Afrikanische Naturmedizin

Eine Vision ohne eine Tat ist nur ein Traum.

Eine Tat ohne Vision ist Zeitverschwendung.

Aber

Eine Vision zu haben und etwas zu tun, kann die Welt verändern.

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Wir sitzen im Zimmer des Schulleiters der Sokoine Primary School in der Nähe von Kigoma und tragen uns ins Goldene Buch der Schule ein, wie wir es immer machen, wenn wir hier im Land zu einem mehr oder weniger offiziellen Besuch irgendwo erscheinen.

Das Zimmer wird von diesem Leitspruch beherrscht, der hinter dem Rücken des Schulleiters gut lesbar für jeden, der den Raum betritt, an der Wand angebracht ist.

Für viele Kinder sind Schule und Schulbesuch hier in Tansania schon Vision und Tat an sich. Zwar ist der Schulbesuch verpflichtend, aber längst gehen nicht alle Kinder, die dies sollten, auch wirklich dorthin. Entweder, weil sie arbeiten müssen, um zum Familienunterhalt beizutragen oder weil ihre Eltern es nicht für nötig erachten.

Sokoine Primary School

Sokoine Primary School

Lebhaft ist mir eine Unterhaltung in Erinnerung, die Shadrach und ich in einem Dorf am Rande des Tanganjika-Sees führten und die deutlich macht, auf welche Schwierigkeiten ein Kind stoßen kann, wenn es um das Thema „Schule“ geht…

Wir sind Fischer“, erzählten uns die Erwachsenen da. „Macht Ihr sonst noch was Anderes?“, fragten wir vielleicht etwas naiv, worauf wir als Antwort erhielten, nein, alle seien ausschließlich Fischer. „Schickt Ihr Eure Kinder denn zur Schule?“, wollten wir wissen, denn schließlich war es vormittags an einem Tag mitten in der Woche und Dutzende Kinder liefen uns fröhlich kreischend zwischen den Beinen umher. „Nein, die müssen mit zum Fischen rausfahren!“ „Aber sollen die denn nicht lesen und schreiben oder noch etwas anderes lernen, damit sie später einmal vielleicht etwas anderes machen können?“ „Nein, die werden Fischer und dafür braucht man keine Schule!“ „Kinder, was wollt Ihr denn mal werden?“ „Fischer!“ „Aber bei der Menge Fisch, die hier seit Jahren jeden Tag aus dem See geholt wird, wird es doch bald keinen Fisch mehr geben!“ „Nein, die Fische werden immer da sein!“

Investitionsstau in Ujiji

Investitionsstau in Ujiji

Dazu kommt, dass in Tansania nur die ersten vier Schuljahre kostenfrei sind. Mit Eintritt in die Secondary School heißt es dann: Zuerst zur Kasse, dann zum Wagen. So hat mein lieber Kollege Shadrach, als ältestes von zehn Geschwistern, die ehrenwerte Aufgabe, mit seinem Gehalt die Schul- und Universitätsausbildung aller seiner Geschwister zu finanzieren. Dass regelmäßig am Ende seines Geldes immer noch verdammt viel Monat übrig ist, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Dazu sind die Unterrichtsbedingungen oftmals erbärmlich bis katastrophal. Räume, Mobiliar, Materialien sind meist nicht vorhanden. Ich habe mir in Ujiji, zehn Kilometer südlich Kigomas, die alte deutsche Schule aus der Kolonialzeit angesehen, die noch heute als Schule genutzt wird. Gebäude und Klassenräume waren noch im Urzustand, Tafeln und Bänke wohl noch aus der Zeit um 1900 (wobei das natürlich im Vergleich zu jenen Schulen, die noch nicht einmal ein Schulgebäude haben, schon recht ansehnlich ist…).

Shadrach hat die Klasse im Griff.

Shadrach hat die Klasse im Griff.

In Shadrachs Grundschulklasse waren damals angeblich weit über 100 (!) Kinder einem Lehrer zugeteilt. Der Lernerfolg dürfte sich in Grenzen gehalten haben. Von diesen 100 Kindern in Shadrachs Klasse schafften es fünfzehn auf die Secondary School und von diesen fünfzehn wiederum nur fünf an die Uni. Shadrach war einer davon und dies auch nur, weil er einen Onkel hatte, der ihm dies alles finanzieren konnte.

Vielleicht lässt sich ja daraus ablesen, dass für die Kinder hier ein Schulbesuch einen ganz anderen Stellenwert hat als für die Kinder bei uns. Schule um ihrer selbst willen funktioniert nicht. Weder bei den Fischern am Tanganjika-See, noch in einer Klasse mit mehr als hundert Schülern. Erst wenn sowohl Kindern als auch Eltern eine Aussicht darauf eröffnet wird, dass das, was die Schule zu bieten hat, dann auch im wirklichen Leben zu etwas zu gebrauchen ist und dazu die Erkenntnis reift, dass es ein Leben gibt, das über das bisher geführte hinaus gehen könnte, dann besteht überhaupt erst die Hoffnung darauf, dass das „Projekt Schule“ auch in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert wird.

Im Wald

Im Wald

Und hier wiederum kommt es auf die Initiative eines jeden einzelnen an.

Mit den Roots&Shoots-Projekten des JGI wird versucht, eben dies zu tun. Beim JGI in Kigoma ist mein unermüdlicher Reisegefährte Shadrach nicht nur für das Bespaßen erlesener ausländischer Mitarbeiter zuständig, sondern in erster Linie für diese Projekte, mithilfe derer in den Kindern der Partnerschulen Verständnis für die sie umgebende Natur und die Notwendigkeit ihrer Erhaltung und Wiederherstellung geweckt werden soll.

Medizinmann Jeremiah

Medizinmann Jeremiah

Womit ich nach einer Seite der Vorrede nun endlich wieder bei der oben erwähnten Sokoine Primary School angekommen wäre.

Wie an so vielen Orten im Land war die Gegend um diese Schule lange Zeit nur noch mit Sträuchern und Gras bewachsen, weil alles, was halbwegs nach Baum aussah, umgehauen und zu Brennholz verarbeitet wurde, sobald es nur ganz vorsichtig und vorwitzig seine ersten Sprösslinge dem Sonnenlicht entgegen streckte. Einmal mehr eine triste, staubige Einöde ohne jedes Leben.

Seit 2008 läuft hier das Roots&Shoots-Projekt, in das alle Schüler der Schule eingebunden werden. Seither wurden 15 Morgen Wüste wieder in so etwas wie Wald verwandelt, über den die Kinder, schließlich ist es so etwas wie ihr Baby, eifersüchtig wachen. Es zählt zum Beispiel auch zu ihren Aufgaben, ihren Eltern auf die Finger zu klopfen, wenn diese mal wieder etwas Feuerholz schlagen gehen wollen… Mittlerweile tun sie dies so erfolgreich, dass die meisten Eltern um Erlaubnis fragen, wenn sie aus dem Wald bestimmte Wurzeln, Rinden oder Blätter für Tees, Cremes, Salben benötigen.

Feuerlinien werden angelegt

Feuerlinien werden angelegt

Die Kinder legen Feuerlinien an, die die Zerstörung des kompletten Waldes verhindern sollen, sollte es an einer Stelle einmal zu brennen anfangen, und die so klangvolle Namen wie Jane Goodall oder Anthony Collins tragen. Sie halten Bienenvölker im Wald um diesen zu erhalten, eigenen Honig zu produzieren und mit diesem Heilmittel herzustellen. Eine eigene kleine Baumschule wird unterhalten. Zweimal in der Woche wird ausgerückt zum Arbeitseinsatz.P1020998

Und so stehe ich nun zum wiederholten Male vor einer extra für mich zusammengetrommelten Klasse, halte eine schwungvolle Rede über das Wieso und Weshalb und blicke in einerseits stolze, aber auch darüber verwunderte Augen, dass sich ein Typ aus dem fernen Europa auf den Weg macht, um ihnen beim Bäumepflanzen zuzusehen. Shadrach gibt den Einpeitscher, die Lehrerschaft strahlt, die Klasse schmettert mir zu Ehren ein Lied und los geht es in den Wald.

Mit von der Partie: Jeremiah, örtlich zuständiger Medizinmann. Da sich die Landbevölkerung zunehmend von der alten, überlieferten Naturmedizin abwendet, um sich der Chemie des Westens hinzugeben, wird das Renaturierungsprojekt an der Sokoine Primary School mit Unterricht über die Heilkräfte der Natur kombiniert, um dies Wissen zu erhalten. „Heute gibt es nur noch sehr wenige Menschen, die dies Wissen über die Heilkräfte der Natur haben“, erzählt Jeremiah. „Es wurde immer nur sehr privilegiert weitergegeben. Ich erhielt es von meinen Eltern und die wiederum von ihren und so weiter. Dadurch und

Bienenvölker werden angesiedelt

Bienenvölker werden angesiedelt

durch die Abkehr vom Traditionellen droht es nun auszusterben.“ Wie bedrohlich die Lage ist, lässt sich allein schon daran ablesen, dass zu Projektbeginn fünf Medizinmänner zur Verfügung standen. Innerhalb von nur drei, vier Jahren reduzierte sich deren Zahl auf natürlichem Wege auf jetzt nur noch zwei. Die Zeit wird also langsam knapp.

Warum dies Wissen denn nur so privilegiert weitergegeben worden sei, will ich wissen. „Nun“, antwortet Jeremiah und fängt an, zu grinsen, „einerseits führte dies privilegierte Wissen natürlich zu einer privilegierten Stellung jener im Dorf, die dies Wissen hatten. Und, ääh, andererseits, auch aus, ääh, finanziellen Gründen.“ Jetzt bin ich es, der zu grinsen anfängt.

45 Baumarten wachsen hier, mit deren Hilfe sich um die 18 Krankheiten heilen lassen, erklärt Jeremiah. Darunter befindet sich fast alles, was Rang und Namen hat. Prostataprobleme, Nierensteine, Rückenschmerzen, Erektionsstörungen, Amöbenruhr und Nervenleiden, Diabetes und Blutarmut. Selbst die von mir so gefürchtete Tanganjika-Todes-Diarrhoe verliert ihren Schrecken.

Die mit Honig vermischten, gemahlenen Samen des Mkoyoyo-Baumes entschlacken den Körper, spülen das Gift heraus, Mbhundu hilft gegen Blutarmut, Mtundu lugagwe gegen Sodbrennen, Mundgeruch und Völlegefühl, Mshindwi ist ein gutes Konservierungsmittel für Lebensmittel. Mtunda hilft hingegen gegen Bettnässen,

Bäume werden erläutert

Bäume werden erläutert

weil es die Kinder aufwachen lässt, wenn sie mal pinkeln müssen. Was es nicht alles gibt… Aloe Vera schließlich ist gut gegen Malaria und Typhus. Und wir schmieren uns das Zeug ins Gesicht…

Mein Lieblingsbaum aber ist Mbanguti. Der wirkt, als Saft oder als Salbe, gegen Schlangenbisse aller Art und zieht zuverlässig das Gift aus dem Körper. Ich frohlocke, schließlich ist dies eine sehr angenehme Erfindung, werde aber unsanft ausgebremst. Mbanguti hilft gegen alles, nur nicht gegen Schwarze Mamba. Diese Information wiederum empfinde ich dann doch eher als recht bedauerlich, sollen sich doch auf dem Gelände von Janes Haus in Dar es Salaam, in das ich alsbald wieder einzuziehen gedenke, doch mehrere Prachtexemplare dieser Spezies tummeln und sich bisweilen sogar in den Spülkästen diverser Toiletten heimisch fühlen. Zwar beschleicht mich diesbezüglich das Gefühl, dass ich hier Opfer diverser Schauermärchen werde, die mir die Verwegenheit der Bewohner des Geländes vor Augen führen sollen. Nur – überprüfen möchte ich den Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen dann lieber doch nicht.

P1020975Mein Onkel aus Namibia hat immer gesagt: „Junge“, hat er gesagt, „wenn Du von einer Schwarzen Mamba gebissen wirst, stell Dich an einen Baum, zünde Dir noch eine Zigarette an und stirb wie ein Mann.“

Verdammt. Ich bin Nichtraucher.

Das Projekt läuft gut. Die Kinder lernen mit Begeisterung etwas über ihre eigenen Traditionen, Bräuche und auch darüber, dass eben nicht alles der Heilsbringer schlechthin ist, nur weil es aus Europa oder Amerika kommt, sondern dass es da auch noch so etwas gibt wie eine afrikanische Seele.

Verkaufserlöse werden reinvestiert

Verkaufserlöse werden reinvestiert

Zumal sich erste Erfolge auch schon eingestellt haben. Mit Jeremiahs Hilfe wurden die ersten Medikamente hergestellt und verkauft. Den Erlös investierte man gleich in neue Behälter für ihre Heilkräutersammlung. Es geht also vorwärts…

Sicherlich ist Naturmedizin mitunter etwas schwerer greifbar für jemanden wie mich, der in der Regel der westlichen Schulmedizin „ausgeliefert“ ist. Wie viel davon Placebo und wie viel echte Wirkung ist, kann ich natürlich nur schwer P1020999beurteilen, aber bekanntlich versetzt der Glaube ja Berge. Und manchmal ist es doch auch ganz gut, nicht alles zu wissen, nicht alles wissenschaftlich zu hinterfragen. So lernt man, die Welt mit afrikanischen Augen zu sehen.

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Ein Kommentar zu Afrikanische Naturmedizin

  1. lea sagt:

    Hallo,
    Ich bin begeistert von eurer Arbeit bei sem Jane-Goodall Institute.! Wie bist du dazu gekommen, als Freiwilliger für sie zu reisen? Für mich wäre das ein großer Wunsch und ich wäre sehr interessiert daran, zu erfahren, wie dein Weg so war! Ich schicke liebe Grüße, viel Respekt und Unterstützung und würde mich über eine Rückmeldung freuen!
    Lg Lea

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