Reise zu den Solardörfern – Tag 3

Direkt am Ortsrand Mwomgongos beginnt Gombe...

Direkt am Ortsrand Mwomgongos beginnt Gombe…

Am nächsten Tag, erneute Station im Dorf Mwomgongo, direkt an der Nordgrenze zum Gombe-Nationalpark.

Hier wurde ein Ratenzahlungssystem bzw. ein Zahlungssystem auf Mikrokreditbasis beim Verkauf der Solarlampen ausprobiert.

Mit Zahlung der ersten Rate wurden die Lampen an die Kunden ausgegeben. Vom „solar lamp agent“ im Dorf erfahren wir, dass die Rückzahlung der Raten eher schleppend vorangeht…

Der grundlegende Ansatz der bei Arbeit des JGI, und damit auch des Solarlampenprojekts, ist „Hilfe zur Selbsthilfe“, nicht aber das Verteilen von Geschenken: Leistung erfolgt nur aufgrund einer Gegenleistung. Dieser Ansatz hat bei etlichen anderen Mikrokredit-Projekten des JGI in dieser Gegend seit vielen Jahren bestens funktioniert und tut es bis heute – die Mikrokredite werden zumeist an kleine Gruppen von Frauen vergeben und zu einem hohen Prozentsatz zurückgezahlt.

Abendessen: Ugali.

Mwomgongo

Mwomgongo

Nacht: Besser als die erste. Shadrach hat vergessen, seinem Hahn den Hahn zuzudrehen.

Frühstück: Raten Sie mal.

Am nächsten Morgen verlieren sich ganze fünf Personen bei unserem Treffen. Davon wollen drei auch nur ihre Lampen, die sie selber kaputt gemacht haben, gegen neue eintauschen ohne dafür bezahlen zu müssen.  Es handelt sich hierbei nicht um eine Bitte oder eine vage Hoffnung. Nein. Es ist eine Erwartung. Mein Eindruck:  es ist vor allem auch eine Erwartung an den weißen Mann, über viele Jahre antrainiert: Wenn der  kommt, dann gibt es Geschenke…

Shadrach erklärt mir, dass von Anfang an die Akzeptanz der angebotenen Projekte des JGI von Dorf zu Dorf vollkommen verschieden war – manche wollen gar nichts davon wissen, andere sind  von dem grundsätzlichen Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ begeistert. Und so ist es wohl auch mit den Solarlampen.

Erkenntnisgewinn: Nicht vom Weg abbringen lassen.

Mwomgongo lebt vom Fischfang

Mwomgongo lebt vom Fischfang

Zelte abbrechen, auf nach Mtanga.

In Mtanga, auf der anderen Seite des Gombe-Natonalparks, bietet sich ein ähnliches Bild wie in Zashe. Aufgeräumte, freundliche Menschen, kreischende Kinder, ein Dorfchef, der uns huldvoll in seinem Dorf willkommen heißt und das gut organisierte Treffen leitet.

Es findet im „dispensary“ statt, von dem es in den größeren Dörfern meistens eines gibt. Dispensaries, dem Wortsinn nach eigentlich nur reine Medikamentenausgeabestellen, sind auf dem Land die einzige Möglichkeit, kurzfristig an so etwas wie medizinische Versorgung zu gelangen. Ärzte gibt es in der Regel keine, die Versorgung wird im Rahmen der Möglichkeiten durch eine Krankenschwester und medizinische Hilfskräfte aufrecht erhalten. Trotzdem wird hier bis auf die Operation am offenen Herzen so ziemlich alles behandelt, was den Schwestern in die Finger kommt. Angefangen bei solch Alltagsproblemchen wie Malaria bis hin zu Kinderuntersuchungen oder komplizierteren Fällen. Dies soll nicht etwa heißen, dass mit den dispensaries eine qualitativ hochwertige, flächendeckende medizinische Versorgung gewährleistet sei. Eher das Gegenteil ist der Fall. Oftmals können auch nur Placebos ausgegeben, bei denen der Glaube dann die Berge versetzt. Aber es gibt nichts anderes und so ist bereits jetzt, am frühen Vormittag, der Wartebereich gerammelt voll.P1020147

Im Gegensatz zu einer Metropole wie Dar es Salaam, in der nach meinen Beobachtungen nach anfänglicher Zuwendung nun wieder eine gewisse Abkehr von den Medikamenten der Schulmedizin und eine Rückbesinnung auf die überlieferte Naturmedizin vollzogen wird, befindet sich die Landbevölkerung noch auf genau dem entgegengesetzten Weg und setzt ihr vollstes Vertrauen in alles, was nach Pille aussieht und aus dem Westen kommt.

Auch aus diesen Gründen hat das JGI hier vor Ort Projekte ins Leben gerufen, die Kindern aus Schulen in der Umgebung Kigomas die eigene Natur und die traditionelle Kräutermedizin der Medizinmänner näher bringen und diese bewahren soll. Aber darüber hoffe ich, noch an anderer Stelle ausführlicher berichten zu können.

Was die Lampen betrifft, bietet sich in Mtanga ein ähnliches Bild wie in Zashe. Lampen gut, Stimmung gut, ein paar keine technische Nicklichkeiten vielleicht, aber zu einem großen Anteil haben die Lampen ihren Zweck erfüllt und erfolgreich die alten Kerosinlampen ersetzt.

Einer der Verkaufsagenten hatte zudem eigenmächtig eine geringfügige Preiskorrektur nach oben vorgenommen, um in den Genuss eines gewissen Extrasalärs zu gelangen. Dem wird ein Riegel vorgeschoben und der gute Mann wird angezählt.

Aber sonst?P1020174

Auch wenn hier ebenfalls kurz die Frage aufkam, warum die Lampen denn nicht, wie es doch sonst der Fall sei, als Geschenk dargebracht würden, ein Treffen mit Erkenntnisgewinnen für das Projekt und seinen weiteren Fortgang.

Alles in allem hat die Reise ihren Zweck erfüllt und die Erwartungen sogar noch übertroffen. Es ist gelungen,  dringend benötigtes Feedback einzuholen und diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die das Produkt auch tatsächlich zum täglichen Leben benötigen.

Die Menschen in Zashe und Mtanga haben uns mit ihren Eindrücken und Erfahrungen bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Es fällt im Nachhinein schwer, mir die materielle Armut auf den Dörfern vor Augen zu führen, wo Dinge, die für uns Selbstverständlichkeiten sind, mitunter eine kaum zu stemmende Investition darstellen. Selbstverständlichkeiten, die dadurch, dass man von ihnen Kenntnis erlangt, Begehrlichkeiten und Bedürfnisse schaffen, die ohne diese Kenntnis vielleicht nicht da gewesen wären. Gleichzeitig wird die eigenverantwortliche Möglichkeit des Erlangens a priori negiert und dies mit resignativer Geduld ertragen.

Fluch oder Segen der so genannten Zivilisation.

Die Solarlampen sind ein kleiner, aber ungemein wichtiger Anfang.

Aber ein großes Stück Weges liegt noch vor uns.

Ein P.S. sei noch angebracht:

Eine Solarlampe kostet 30.000 Tansanische Shilling. Das entspricht etwa 14,- € oder ca. 20,- US$. Damit steht die schwarze Null und alle haben etwas davon. Uns mag dies als nicht so viel erscheinen, aber für jemanden, der finanziell vielleicht nicht einmal in der Lage ist, einen Liter Kerosin, der bei ca. 1,50 US$ liegt, auf einmal zu kaufen, ist das schon eine etwas andere Hausnummer, obwohl sich eine Solarlampe durchschnittlich bereits nach weniger als zwei Monaten amortisiert und ab da Gewinn einfährt. Man könnte sie gratis verteilen, das ist richtig. Aber was bewirkt man damit, welche Erwartungshaltung ruft man hervor? Dies ist gerade nicht Ziel, Sinn und Zweck der Projekte des JGI…

Und so sehen die guten Stücke aus: links ältere Bauart, rechts Next Generation!!

Und so sehen die guten Stücke aus: links ältere Bauart, rechts Next Generation!!

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Ein Kommentar zu Reise zu den Solardörfern – Tag 3

  1. Richard sagt:

    Du hast absolut Recht mit deinem „PS“. Ein schöner Beitrag mit tollen Fotos. Ich mach mich mal auf die Suche nach den anderen Teilen 🙂

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