Reise zu den Solardörfern – Tag 2

Um halb drei schreit der Hahn. Ich fahre aus dem Halbschlaf hoch, verheddere mich im von mir allzu schlampig aufgehangenen Moskitonetz, das wie eine Ballonhülle über mir zusammenfällt. Beim Versuch, mich zu befreien, verpuppe ich mich immer weiter. Draußen ist es stockdunkel… Himmelherrgottnochmal! Wo bin ich?!?

Schuldbewusst grinst Shadrach zu mir rüber. „Sorry, aber seitdem sie bei mir eingebrochen haben, stelle ich mir jede Nacht dreimal den Wecker. Halb drei, um drei und um vier.“ „Und Du denkst allen Ernstes, das bringt was, wenn Du Dich hier um halb drei wecken lässt, obwohl Du nicht zu Hause bist?!?“

Was für eine Nacht…P1020110

Mit dem anbrechenden Morgen schreite ich zur Eimerdusche, um mir die Müdigkeit aus den Gliedern zu spülen.

Frühstück: Ugali.

Zashe, kurz vor der Grenze zu Burundi, eine Bootsstunde nördlich von Mwomgongo.

Erste Station unserer „Kundendienstreise“.

Schon von weitem sehen wir die Kinder am Strand zusammenlaufen, kaum, dass sie das Dröhnen unseres Außenborders gehört hatten. Die Ankunft eines Bootes verspricht Neuigkeiten, Aufregung, vielleicht sogar Geschenke? Oder hatten sie schon von der Ankunft des mzungu gehört? Zumindest haben mein Fotoapparat und ich mal wieder die Bühne.P1020118

Mit einem Rattenschwanz an Kindern im Gepäck ziehen wir durchs Dorf zum Verwaltungsgebäude, in dem die Versammlung stattfinden wird. Zashe wirkt weit aufgeräumter und freundlicher als Mwomgongo. Von überall schallen uns freundliche Zurufe entgegen, jeder grüßt, macht seine Späße. Kein bisschen Unmut oder Aggressivität liegen in der Luft. Dabei sind die Menschen hier unter materiellen Gesichtspunkten mindestens ebenso arm wie in Mwomgongo… Ich fotografiere, plötzlich grölender Tumult „Hey, der mzungu verkauft unsere Bilder in Europa und kassiert ne Menge Geld dafür!!!!!“ P1020123„Was? Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass ich für Dein Gesicht in Europa auch nur einen Cent bekomme!!!“ Gelächter. Das Eis ist gebrochen.P1020127

Zunächst haben wir uns beim Dorfältesten anzumelden und um Erlaubnis zu bitten, hier eine Versammlung abzuhalten. Er war zwar schon weit im Voraus unterrichtet worden, alles war vorbereitet und die Teilnehmer der Versammlung handverlesen, aber so gehört es sich. Praktischerweise ist der Dorfälteste auch gleichzeitig der örtlich zuständige Verkaufsagent für unsere Solarlampen. Honi soit qui mal y pense…

Der Saal ist gerammelt voll, los geht’s. Vorstellungsrunde. Mittlerweile meine leichteste Übung, seit TWIGA bin ich im Halten schmissiger Reden gestählt.

Ich hatte beileibe keine Akklamationsveranstaltung erwartet, aber die Kritikpunkte an Lampe und Programm halten sich in Grenzen und beschränken sich auf einige technische Details. Viel wichtiger ist, das merke ich, dass die Leute stolz darauf sind, nach ihrer Meinung gefragt zu werden und sie mit ihren Erfahrungen zum Fortgang des Projekts beitragen können. Ebenso wichtig ist es ihnen, als Kunden wahrgenommen zu werden und das Gefühl zu haben, dass man sie nach dem Kauf einer Lampe, die für sie eine nicht unerhebliche Investition darstellt, nicht mit dem Ding allein lässt, sollte es denn mal nicht funktionieren.

Zashe

Zashe

Begeistert erzählen einige, wie sie durch die Solarlampen vollständig ihre alten Kerosinlampen ersetzt hätten und mittlerweile 500 TSH am Tag, die sie sonst für Kerosin hätten ausgeben müssen, sparen. Ein schöner Erfolg. 500 TSH entsprechen umgerechnet zwar nur ca. 25 Eurocent, für diese Summe bekommt man auf dem Markt in Kigoma aber schon vier bis fünf Tomaten, zwei Gurken oder eine kleine Papaya.

Ich schreibe fleißig mit.

Irgendwann beugt sich Shadrach zu mir rüber und raunt mir zu: „Wir dürfen das hier nicht zu sehr in die Länge ziehen, sonst müssen wir die Leute dafür bezahlen…“ „Wie, bezahlen?“ „Jaaaaa, das ist hier so… Wir könnten aber auch als Zeichen der Freundschaft den Leuten hier ne Cola oder sowas ausgeben.“ „Meinst Du?“ „Jaaaaaaaa…“ Also ordere ich beim Dorfältesten, der praktischerweise neben seinen Tätigkeiten als Dorfältester und Verkaufsagent auch noch einen kleinen Gemischtwarenladen betreibt, zum Vorzugspreis eine nach Neigungsgruppen gemischte Kiste Cola, Fanta, Sprite.P1020140 Bei der Ausgabe der Getränke habe ich rein subjektiv das Gefühl, dass unser Versammlungsraum wie durch Geisterhand auf einmal sehr viel stärker frequentiert sei als noch ohne Cola. Aber was soll’s. Ein Prosit verbreitet gute Stimmung und gibt schöne Bilder fürs Familienalbum. Und schließlich erklären sich viele der Kunden auch noch bereit, sich vor meine Kamera zu setzen und zu erzählen, wie die Solarlampe ihr Leben verändert habe.

Erkenntnisgewinn: Kleine Geschenke korrumpieren nicht gleich, sondern erhalten die Freundschaft. Nicht immer alles so preußisch sehen.P1020145

Fortsetzung folgt…

Dieser Beitrag wurde unter till's Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.