Reise zu den Solardörfern – Tag 1

Vor gut einem Jahr startete das Jane Goodall Institut Deutschland im Großraum Kigoma in Zusammenarbeit mit der Firma Villageboom aus Münster das eingangs erwähnte Solarlampenprojekt, mithilfe dessen möglichst viele Menschen in den Dörfern am Rande des Gombe-Nationalparks auf nachhaltige, gesunde und erschwingliche Art und Weise mit Licht versorgt werden sollen, da es in  diesen Dörfern keine öffentliche Stromversorgung gibt.

Ein Jahr nach Beginn des Projekts ist nunmehr Zeit für eine erste Bestandsaufnahme vor Ort.

Auftrag: Gemeinsam mit Shadrach Meschach vom JGI Kigoma Erkenntnisse aus den Dörfern Mwomgongo, Mtanga und Zashe über den Erfolg oder Misserfolg des Solarlampenrojekts sammeln.

Die Dörfer liegen rund um den Gombe-Nationalpark und sind nur per Boot über den Tanganjika-See zu erreichen.

Abfahrtszeit: Montag, 10:00 Uhr im institutseigenen Boot.

Montag, 10:00 Uhr: Wo ist das Boot?

Montag, 10:01 Uhr: Da hinten.

Montag, 10:02 Uhr: Wo hinten?

Montag, 10:03 Uhr: Da.

Montag, 10:03 Uhr: Wie, das Ding da, von dem nur noch das Dach aus dem Wasser schaut?

Montag, 10:04 Uhr: Ja.DSCN0247

Montag, 10:04 Uhr: Ich halte fest: Unser Boot ist derzeit lediglich bedingt seetüchtig.

Montag, 10:05 Uhr: Eintreffen der Bootsbesatzung.

Montag, 10:05 Uhr: Wo ist das Problem?

Montag, 10:05 Uhr: Das Boot ist abgesoffen.

Montag, 10:05 Uhr: Ach so, wir dachten, es gäbe ein Problem. In einer Stunde legen wir ab.

Montag, 10:06 Uhr: Eimer marsch.

Montag, 11:15 Uhr: Abfahrt.DSCN0250

Erkenntnisgewinn: Alles eine Sache der Einstellung.

Glücklicherweise zeigt sich der See heute von seiner gnädigen Seite. Kaum Wellen, nur eine leichte Brise geht. Mit Grausen erinnere ich mich an eine ganz bestimmte Fahrt vor sehr langer Zeit durchs Nordpolarmeer. Sieben Stunden Hölle. Wir hatten uns auf dem Achterdeck zusammengefunden. Zwei Isländerinnen, ein Franzose und ich. Eigentlich eine ganz illustre Runde. Erbauliche, geistreiche Kommunikation, nur in unregelmäßigen Abständen davon unterbrochen, dass einer von uns aufstand, den Kopf über die Reling hielt und anschließend wieder zu den übrigen zurückkehrte, als sei nichts gewesen. In unserem Elend nur gestört durch einen penetrant fröhlichen ehemaligen Angehörigen des US Navy, der uns fortlaufend mit Speis und Trank versorgen wollte und nicht verstehen konnte, dass uns nun gar nicht der Sinn danach stand…

Diese Fahrt verfolgt mich noch heute, mehr als zwanzig Jahre später, wann immer ich ein Boot besteige.

Zum Glück sehen wir heute aber nur friedliche grüne Hügel vorbeiziehen, die früher einmal mit Urwald überzogen waren, mittlerweile aber kahl gerodet worden sind, um die stetig wachsende Bevölkerung mit Feuerholz zu versorgen. In mühevoller Kleinarbeit betreibt das Jane-Goodall-Institut hier Wiederaufforstungsprojekte, um wenigstens ein wenig die Natur wieder zurückzubringen, legt gemeinsam mit Dörfern und Familien kleinere Wälder an, die kontrolliert zum Gewinn von Feuerholz bewirtschaftet werden.

Ruhe kehrt ein, Entspannung. Trotzdem scheint nicht jeder unserem Gefährt auch das letzte Vertrauen entgegen zu bringen. Schwimmweste werden angelegt. Ich warte auf die Evakuierungsübung.

Wie mit dem Lineal gezogen beginnt der Urwald. Der Gombe-NationalparDSCN0251k ist erreicht, wo im Jahre 1960 eine junge, ambitionierte Frau begann, das Leben der Schimpansen zu studieren und Entdeckungen machte, die das Selbstbild der Menschheit verändern sollten. Hier hatte vor mehr als fünfzig Jahren seinen Ursprung, was heute ein weltumspannendes Netz aus Projekten und Organisationen ist. Viele Jahre war Gombe eine grüne Insel inmitten einer Busch- und Steppenlandschaft, die durch die Abholzung und der damit einher gehenden Zerstörung des Lebensraums von Mensch und Tier entstanden ist. Seit einigen Jahren breitet sich dank der Wiederaufforstungsprojekte der Wald wieder langsam über die Grenzen Gombes aus, Steppen werden zurück in Urwälder verwandelt. Von Anfang an war klar: Naturschutz gegen die Menschen, die davon betroffen sind, kann nicht funktionieren. Wer die Schimpansen schützen will, muss bei den Menschen anfangen, denn für Menschen, die tagtäglich mit existenziellen Sorgen zu kämpfen haben und nicht wissen, wie sie die nächste Mahlzeit auf den Tisch bekommen sollen, ist Natur- oder Artenschutz nichts weiter als ein Luxusproblem.

Paviantrupps begleiten uns am Ufer, scheinen sich nicht für unsere Anwesenheit zu interessieren. In den Bäumen turnen ganze Rudel Meerkatzen. Pures, wildes Leben…

Wir bahnen uns unseren Weg zwischen Einbäumen und kleinen Booten hindurch, die meisten mit ein oder zwei Mann besetzt sind und deren Insassen versuchen, mittels einfacher Angelschnüre dem See etwas Essbares abzuringen. Kreuz und quer hüpft unser Boot, der Außenborder röhrt, Steuermann Felix nickt zufrieden.

Plötzlich: schrilles Aufjaulen, aufgeregtes Gezeter achteraus, ein kurzes Stottern und unser Motor erstirbt, wir werden zum Spielball der Wellen. Die peinlich berührte Stille wird nur vom lauthalsen Gemecker eines fließigen Petrijüngers getrübt, den wir nun schon ein ganzes Stück hinter uns her gezogen haben und dem der dickste Fische des Tages an den Haken gegangen war: wir. Petri Heil! Seine Angelschnur hatte sich in der Schraube unseres Außenborders verfangen und er, da er das gute Stück nicht kampflos aufgeben wollte, hat sich verzweifelt mit bloßen Händen daran festgekrallt und ist mit uns Wasserski gefahren. Verzwickte Lage, Angelschnur ist teuer. Alles Zetern hilft nichts, Schnur kappen, Geflecht entwirren und einem einheimischen Fischer den Abend verderben…

Mwomgongo.

Ein Ort ohne Licht.

Wer hätte das gedacht? Deswegen sind wir schließlich hier.

Faszinierend. Wenn die Sonne untergeht, wird es dunkel. Keine unbedingt bahnbrechend neue Erkenntnis, aber anders als bei uns gehen jetzt in den Häusern und entlang der Wege eben nicht die Lichter an, sondern es bleibt dunkel.

Was nicht bedeutet, dass jetzt auch das Leben eingestellt wird. Schlafwandlerisch bewegen sich lautlose Schemen durchs Dunkel, gleiten an Dir vorbei, ohne dass Du sie hast kommen sehen und verschwinden wieder in der Finsternis. Unbehagen stellt sich ein. Kann nicht mal bitte jemand das Licht anmachen?

Gekocht wird über Holzkohle, gewonnen aus den Wäldern der Umgebung.

Gekocht wird über Holzkohle

Gekocht wird über Holzkohle

Was sich wie ein romantischer Grillabend bei Bierchen und blutig gebratenen Rinderhüften anhört, zieht als dicker, beißender Qualm durch den Ort und durch die Häuser. Denn gekocht wird drinnen, auf einer Feuerstelle, deren Abzug das Fenster der Hütte ist. Dazu das trübe Licht und der allgegenwärtige Geruch der Kerosinlampen. Die Atemluft ist eine giftige Melange aus Qualm und Abgasen, die als Smogglocke über dem Ort liegt. Bei der Feuerwehr wäre jetzt Zeit für den Vollschutz. Hier durchschneidet nur der dürre Strahl meiner Stirnlampe das Endzeit-Szenario. Mad Max goes Africa…

Kochen bei Nacht

Kochen bei Nacht

Wege oder gar Straßen gibt es nicht, verschlungene Trampelpfade ziehen sich zwischen den Häusern und Hütten durch das Dunkel, machen dem Ortsunkundigen und allzu Unbedarften jeden Gang zum Wagnis. Shadrach in seinen Jesuslatschen schlappt gleichmütig vor mir her. Kunststück. Schließlich ist er in einem Dorf wie diesem hier aufgewachsen. Ich hingegen trampele in meinen Stiefeln wie ein Stier hinter ihm her. Er bleibt stehen. Das Herz rutscht mir in die Hose. Aber er dreht sich nur um und schaut mich fragend an. „Schlangen sind nachtaktiv“, belehre ich ihn, „man muss feste auftreten, um sie zu verscheuchen. Außerdem solltest Du hier nicht mit Deinen… Hallo?“ Aber er war schon weitergegangen, lächelt und schüttelt den Kopf. Die spinnen, die Weißen…

Mit meiner Turboleuchte auf der Stirn falle ich hier unangenehm auf. Was mir Licht und Sicherheit verschafft, bedeutet blendende Erleuchtung für alle anderen. Ich hatte mich schon immer für eine blendende Erscheinung gehalten, nur hält sich in diesem Fall der Kreis meiner Anhänger arg in Grenzen. Ihre Augen sind an die Dunkelheit gewöhnt. Da stört so ein Strahler wie der meinige nur und führt zu kurzzeitiger Erblindung.

Kleine Läden ziehen sich entlang des Hauptweges durch den Ort, in denen alles erhältlich ist, was man zum täglichen Leben benötigt. Und – siehe da, ein Großteil von ihnen ist sogar mit unseren Solarlampen erleuchtet. Anderes bleibt uns verborgen, denn in die Wohnhäuser haben wir keinen Einblick. Ich hoffe auf morgen.

Solarlicht sorgt für Helligkeit

Solarlicht sorgt für Helligkeit

Ich sitze mit Shadrach auf den Stufen des Gästehauses, das vom JGI hier errichtet wurde und in dem wie für die kommenden zwei Nächte einquartiert sein werden. Mittlerweile ist es in einem bedauernswerten Zustand, von einmal vorhandener Einrichtung ist nicht mehr viel übrig geblieben. Alles, was auch nur halbwegs nicht niet- und nagelfest war, wurde binnen der vergangenen Jahre weggefunden. Von Schränken, Kommoden und einer Sitzgarnitur stehen nur noch die Gerippe, Schubladen, Sitzpolster oder die Glasscheiben der Schranktüren haben längst anderweitig Verwendung gefunden. Shadrach hatte schon zuvor, als wir unseren Streifzug durch den Ort beginnen wollten, gesagt, ich solle bitte unsere Zimmertür schließen und verriegeln. Außerdem müssten wir warten, bis die Frau zurückkomme, die hier für uns koche. Naiv hatte ich gefragt, ob sonst Tiere hier ins Haus kämen. „Nein“, hatte er geantwortet, „Menschen“. So erklärt sich auch, warum ich immer nur einen unserer beiden Bootsleute hier oben beim Haus sah und der andere jeweils unten beim Boot blieb… Ein leicht beklemmendes Gefühl. Ein Jeder muss sich wohl über kurz oder lang von allzu romantisch verklärten Vorstellungen verabschieden.

Wir sitzen also auf den Stufen unseres Gästehauses und, obwohl sich mittlerweile die erste Aufregung über meine Ankunft gelegt hat, sind die Kinder des Dorfes trotzdem nicht weit. Gieksend und gniggernd schleichen sie um mich herum, flüstern ein schnelles,“Hey, mzungu!“, um sich sofort kreischend außer Reichweite zu bringen, sobald ich mich umdrehe. Das ist das Spiel, seitdem ich hier bin.

Derart gebauchpinselt muss ich leider alsbald gewahren, dass nicht ich die große Attraktion bin, sondern mein Fotoapparat. Viele der Kinder haben sich noch nie auf Fotos gesehen und so ist es an mir, Foto auf Foto auf Foto zu machen und für strahlende Kinderaugen zu sorgen. Ich spiele Ihnen die Fotos auf meinem Handy vor, bin gespannt, wie sie auf Schneebilder reagieren. Zeige ihnen Bilder vom Schneemannbau im Garten, von eingeschneiten Bäumen, dem zugefrorenen Maschsee in Hannover. Reaktion: keine. Wie auch? Sie kennen keinen Schnee, wissen nicht, dass Wasser auch anders sein kann als flüssig, wissen nicht, dass Schnee kalt ist. Für sie ist es bloß Sand, weißer Sand…

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Was alle Kinder eint: Chronischer Reizhusten und ständig laufende Nasen. Holzkohlequalm und Kerosindämpfe fordern ihren Tribut.

Ein Dinner bei Stirnlampe und Kerzenschein. Könnte ganz romantisch sein. Es könnte. Aber letztlich bleiben doch nur wir. Vier ranzige Typen, die ihren Ugali mümmeln und Seemannsgarn spinnen…P1020167

Ugali, das… ja, was ist das eigentlich? In irgendeiner Form wird es überall in Afrika zubereitet und gegessen. Meistens besteht es aus Wasser sowie Mais-, Maniok- oder Hirsemehl und liegt von der Konsistenz her irgendwo zwischen Böhmischen Knödeln und erkaltetem Haferschleim. Geschmacklich ist, sagen wir mal, deutlich Luft nach oben… Ugali aber gehört zur afrikanischen Seele wie die Weißwurst zu Bayern oder die kontrollierte Offensive zu Otto Rehhagel. Jeder kennt es, jeder isst es, viele Afrikaner haben oftmals nur Ugali und Bohnen auf dem Tisch, weil es sonst nichts anderes gibt oder nichts anderes für sie erschwinglich ist.

Fortsetzung folgt…

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