Nochmal ein bißchen über Sanya

Nachdem ich nun ein bißchen mehr Zeit hier verbracht habe, dachte ich mir mal zu versuchen das Leben hier ein bißchen näher zu beschreiben. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie hart selbiges hier ist. Der Tag beginnt jeden morgen um 6 Uhr oder teilweise noch früher. Dann wird erstmal der Hof mit einem selbstgebastelten Besen gefegt.

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Manchmal geschieht dies auch mehrmals täglich, da der Wind wieder Chaos anrichtet. Währenddessen wird schonmal der Ofen angeheizt um Frühstück zuzubereiten und Wasser zu kochen. Den Ofen hat die Mama aus Lehm selbstgebaut und er wird, wie bei den meisten Familien, mit Holz angefeuert. Das führt dazu, dass hier viele Bäume keine Äste mehr haben. Die Stämme stehen zwar noch, aber der Rest wird abgehackt und verfeuert. Wiederaufforstungsprogramme gibt es hier nicht und daher sieht man in den ländlichen Regionen auch extrem wie kahl es mittlerweile teilweise ist. Die Menschen haben natürlich auch keine andere Möglichkeit, denn die Elektrizitätsleitungen vertragen keine große Spannung und der Strom fällt ohnehin regelmäßig aus. Außerdem ist das Bewusstsein und das Wissen über Nachhaltigkeit und Naturschutz kaum oder gar nicht vorhanden. Entweder sie nutzen das Holz oder sie kochen mit Petroleum oder Kohle, wenn es regnet. Beides ist natürlich eher schlecht. Daher hatte ich letzthin auch mit Kessy besprochen eine Gaskartusche mit Kochaufsatz für dieFamilie zu kaufen. Diese können sie nun auch bei Regen verwenden, sie stinkt nicht und ist nicht ganz so ungesund wie Petroleum und zumindest ein bißchen klimafreundlicher. Auch preislich dürfte es ihnen ein bißchen zugute kommen.

Der selbstgemachte Herd

Der selbstgemachte Herd

Bis ca 9 Uhr wird gefegt, geputzt und aufgeräumt. Die Arbeitsteilung hierbei ist klar. Die Frauen kochen und putzen und gehen allen anderen haushaltlichen Tätigkeiten nach. Der Papa wartet entweder aufs Frühstück, schneidet die Hecke mit einer Machete oder hackt Holz. Nach dem Frühstück geht er dann meist auf die Farm um dort zu arbeiten und kommt erst spät und völlig k.o. wieder. Ich will damit übrigens nicht sagen, dass diese Verteilung unbedingt schlecht ist, aber für mich einfach unvorstellbar, denn dieses Frauenbild hat Deutschland, zum Glück, mittlerweile in größten Teilen abgelegt.

Zu einem ähnlichen Thema hatte ich letztens auch eine sehr interessante Diskussion, mit einem von Dativas Onkeln. An diesem Tag sind Dativa und ich bei einem Spaziergang leider Zeuge davon geworden, wie ein Mann seine Frau schlägt. Ich kann sowas wirklich überhaupt nicht ertragen und wollte dazwischengehen. Dativa zog mich allerdings weiter und meinte, dass wir sie machen lassen sollen. Abends waren wir dann beim Onkel zu Besuch und bei einem Bier kamen wir auf eben dieses Ereignis zu sprechen. Der Onkel meinte, dass das hier oft vorkäme, vorallem dann, wenn die Leute Alkohol getrunken haben. Daraufhin meinte ich, dass weder Alkohol noch irgendwas Anderes es rechtfertigen würde und es unmöglich sei Frauen oder gar Kinder zu schlagen und nichts und niemand auf dieser Welt das Recht hat einem anderen Weh zu tun. Außerdem erzählte ich auch ein wenig von Deutschland und das dies dort sicherlich leider auch vorkommt, es aber auch viele Frauen gibt, die sich das nicht gefallen lassen. Er fragte mich dann tatsächlich, ob ich mich schlagen lassen würde, wenn ich hier wohnen würde. Natürlich habe ich das verneint und die Diskussion begann internsiver zu werden, denn anscheinend wollte er sich, bzw. das was er von kleinauf gelernt hat, verteidigen. Nachdem ich ihn dann gefragt hatte, wer jemandem das Recht gäbe jemand Anderes zu schlagen und, weil ich wusste das er gläubig ist, hinzufügte, dass Gott das sicherlich nicht befürworten würde, wenn ein Mensch einem anderen Leid zufügt, war er erstmal ruhig und er wusste nichts mehr zu sagen. Nach einer Weile meinte er dann noch, dass das von Generation zu Generation so weiter gegeben wird und man das eben so mache. Ich meinte nur, dass es das nicht richtiger oder besser mache.

Das war eine sehr interessante Diskussion und ich denke, dass das was bei uns oft hinter verschlossenen Türen stattfindet hier einfach viel öffentlicher ist. Während bei uns vielleicht die Polizei gerufen wird oder tatsächlich jemand die Zivilcourage besitzt und dazwischen geht, wird es hier als normal akzeptiert. Ein Grund dafür ist ganz klar die Bildung der Frauen. In vielen Tribes (wovon es 125 gibt), aber vorallem bei den Massai, werden junge Mädchen noch zwangsverheiratet und aus der Schule geholt, während die Jungs sich weiterbilden dürfen. Mein „Papa of the House“ ist übrigens ein friedlicher Mensch und würde, glaube ich, alles für seine Kinder und Frau tun. Dennoch ist auch hier das Frauenbild noch recht „traditionel“, aber ich denke, dass es mit den Kindern einer Veränderung untergéhen wird, denn die älteste Tochter studier ja breits und auch Dativa will dies tun. Die Beoabachtung und das Gespräch wurde dann aber noch getoppt, als ich vor einigen Tagen sah wie der Nachbar seinen Sohn mit einem Stock verprügelte. Ich ging raus und konnte mich nur sehr schwer zurückhalten und würde ich fließend Swahili sprechen, hätte ich den Mann in Grund und Boden argumentiert. Die Tatsache, dass ich das im Prinzip hilflos mit ansehen musste war schon schlimm genug, aber das niemand „meiner“ Familie dazwischen ging und alle nur mit dem fortfuhren, was sie grade taten, machte mich wirklich wütend und traurig. Wie kann man bei so etwas einfach zusehen und dann auch noch meinen man praktiziere christliche Nächstenliebe? Mir bestätigt es leider einmal mehr das Religion und das, was die Leute mit dieser verbinden, oft nichts mit dem zu tun hat, was sie eigentlicht beinhalten sollte.

Zurück zum Leben hier. Sobald der Papa nach dem Frühstück auf der Farm ist, geht die Mama meistens Brennholz sammeln, Futter für die Ziegen holen oder einkaufen. Dativa wäscht in dieser Zeit oft die Wäsche oder spült. Ich selbst darf natürlich leider nirgends mithelfen, denn ich bin immernoch ein Gast. Gegen 14 Uhr gibt es dann Mittag und danach, wenn die Zeit es zulässt eine kurze Pause. Um 17 Uhr wird dann auch schon wieder alles für das Abendessen vorbereitet. Bohnen werden nach Farbe sortiert, Reiskörner werden von Schmutz und kleinen Steinen getrennt, Gemüse und Obst wird gründlich gewaschen und sortiert. Das alles dauert natürlich seine Zeit und letztlich gibt es dann gegen 20 Uhr Essen. Dazu wird oft Musik gehört oder ein Film angesehen, denn einen Luxus, den sie sich gegönnt haben, ist ein kleiner Fernseher und ein DVD Spieler. Die Qualität der Filme ist unterirdisch und ich kann sie mir nicht wirklich ansehen, weil ich von Bild und Ton Kopschmerzen bekomme. Meist handelt es sich um japanische, amerikanische oder südafrikanische Filme, die „synchronisiert“ wurden. Ich setze dies in Anführungzeichen, weil es eher so aussieht, dass die Tonspur komplett überspielt wurde und ein Mann alles überspricht. Vor einigen Tagen lief zum Beispiel Harry Potter, aber vom Original ist eigentlich nichts zu hören. Zwischendurch hört man vielleicht mal einen englischen Satz, aber größtenteils wird zeitverzögert vom einem einzigen Sprecher übersetzt. Bei inländischen Filmen hört man wenigstens den O-ton, meist ist aber das Bild grottenschlecht und die Filmmusik wird aus der von anderen Filmen zusammengesetzt. Letztens hörte ich zum Beispiel die Musik von Lord of the Rings, die in einer Komödie eingespielt wurde. Nach dem Film geht´s dann ins Bett, wobei ich selbst meist früher gehe, da ich mir diese Filme, wie gesagt, nicht ansehen kann, denn ich dieser Hinsicht bin ich ganz eindeutig verwöhnt. Aber was mache ich eigentlich selbst den ganzen Tag? Nun ja, dadurch, dass ich bei nichts mithelfen und mich auch nicht frei bewegen kann, verbringe ich ihn meist auf meinem Zimmer oder der Gartenbank und lese oder schreibe. Ich bin immer sehr froh, wenn ich mich im Feld bewegen kann um Daten zuerheben. Auch die Verständigung ist einfach nur schwierig, denn Dativas Englisch beschränkt sich auf ein Minimum und jeden Satz, den ich spreche, muss ich mindestens zweimal umformulieren, damit sie mich versteht und auch dann ist das oft nicht der Fall. Wenn ich also Dinge erzählen will, verliert sie sehr schnell die Aufmerksamkeit, weil sie es nicht versteht. Anderherum verliere ich schnell meine, wenn ich etwas frage und mir auf etwas komplett Anderes geantwortet wird. Das alles klingt ja nicht wirklich positiv und wenn ich mich entscheiden könnte, würde ich defintiv nicht nochmal über einen so langen Zeitraum irgendwo privat wohnen, denn Spaß macht mir das Leben hier nicht. Das liegt nicht an der Einfachheit des Lebens, sondern an der Tatsache, dass ich mich durch die teils übertriebene Gastfreundschaft, extrem eingeengt fühle. Für ein paar Tage ist es sicherlich eine tolle und bereichernde Erfahrung und die Menschen hier sind einfach nur lieb, aber eben nicht für länger.

Etwas anderes was das Leben hier wirklich extrem erschwert ist das derzeitige Wetter. In der Region des Westkilimajaro ist eigentlich gerade Trockenzeit, bzw. es sollte nur ab und an regnen, aber El Niño und der Klimawandel scheinen das irgendwie anders zu sehen und zwischen den wirklich heißen und trockenen Tagen schüttet es oft wie aus Eimern. Nicht das Regen ansich etwas schlechtes wäre, denn das Land braucht Wasser, aber die Menschen hier sind zur Zeit so gar nicht darauf eingerichtet. Eigentlich ist es momentan Zeit die Felder umzugraben und neue Samen zu pflanzen, wenn es aber nach dem umgraben regnet, ist die Erde wieder verhärtet oder die Samen werden weggespült, denn hier liegt alles am Hang und der Regen ist nicht nur Regen sondern gleicht eher einer kleinen Sinnflut, die alles mit sich reißt. Erosion ist also ein großes Problem, was natürlich dadurch verstärkt wird, dass es immer weniger Bäume und Sträucher gibt und nicht jeder sich dessen bewusst ist, das die Wurzeln auch der Erde Stabilität bieten. Die Leute die oben auf den Hügeln wohnen, haben trotzdem während des Regens, sogar noch Glück, denn wenigstens fließt das Wasser hier weiter. Unten im Dorf sammelt sich aber alles und die Straßen gleichen danach eher einem Schlammbad. Dennoch haben wir auch hier oben mit dem Wasser zu kämpfen. Letztes Mal kam der Regen stark von der Seite und weil es hier keine Fenster gibt (Glas ist Luxus) musste ich, in Zusammenarbeit mit der Gardine, einen Kampf gegen den Wind und Regen fechten.

Erstmal musste ich möglichst schnell mein ganzes , nicht wasserfestes, Zeug in Sicherheit bringen. Danach versuchte ich dann die Gardine nach unten zu halten, weil sie das Einzige war was Schutz bot. Der Wind war jedoch so stark, dass er mir sie immer wieder aus der Hand riss und ich jedesmal einen Schwall Wasser ins Gesicht bekam. Irgendwie gelang es mir dann aber den Stuhl zu packen und auf den Tisch zu wuchten, damit ich die Gardine dahinter einklemmen konnte. Nun konnte ich endlich loslassen und überprüfen ob die ganze Elektronik in Ordnung war. Mein ganzes Zimmer, inklusive mir selbst, war naß und einiger Papierkram hatte auch was abbekommen, aber das trocknet ja wieder. Die empfindlicheren Sachen konnte ich rechtzeitig retten. Gleichstand also: Regen 1 – Miriam 1.

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Letztlich war das Ganze für mich eher spannend und ich hatte sogar Spaß bei meinem lächerlichen kleinen Kampf gegen die Naturgewalten, aber für die Leute, die das hier jedesmal durchmachen müßen, wenn es so regnet ist das sicherlich weniger amüsant.

Unser Garten sah danach übrigens so aus:

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Der lehmhaltige Boden war völlig aufgeweicht und auch 2 Tage nach dem Regen zog er einem die Schuhe aus, wenn man nicht vorsichtig war.

Ein Weiteres sehr interessantes Erlebnis hatte ich vor einigen Tagen auf dem Markt. Eine Menschentraube war versammelt und betrachtete fasiziniert das Schauspiel. Ein Hexer oder Heiler hatte mit Stereoanlage und Mirkofon eine Ansprache vorbereitet. Dativa sah und hörte beeindruckt zu. Ich selbst verstand nichts, aber was ich sah, reichte mir eigentlich schon. Vor uns stand eine Frau, die mit jeweils einem „Messer“ durch Kopf und Bauch herumlief und deren Gesicht weiß geschminkt war. Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen, denn es war offensichtlich Fake und die Messer gingen um Kopf und Bauch herum. Allerdings war ich wohl die Einizige, die das so sah, denn alle anderen sahen überzeugt und staunend zu. So auch Dativa. Ich meinte dann aber zu ihr, dass das niemals real sein kann und das man, wenn man der Frau die Tücher abwickeln würde, sehen würde das es nicht echt sei.

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Das Foto ist leider nicht so gut, aber man erkennt die „Messer“

Der Hexer ließ dann das Wort Albino fallen und ich frug Dativa was er sagte. Anscheinend sprach er über die Heilkraft von Albinoblut. Erschreckend, denn in Tansania haben Albinos schlechte Überlebenschancen. Oft wird ihnen schon als Kind die Hand oder andere Körperteile abgetrennt, weil diese eben angeblich eine heilende Wirkung haben. Es ist schon komisch darüber zu lesen oder Filme zu sehen, es dann aber tatsächlich auf einem Marktplatz zu hören, dass es Praxis ist, ist einfach nur schrecklich. Ebenfalls sieht man überall im Dorf Symbole, die auf Heiler verweisen, die meinen Aids heilen zu können. Was Bildung angeht, ist hier noch so unglaublich viel zu tun. Ich will hier keinesfalls Homöopathie schlecht reden, denn ich bin überzeugt davon, dass die Natur oft bessere Wege kennt Leiden zu heilen, aber das hier geht dann wiedermal ein Stück zu weit. Abgesehen davon ist es natürlich auch so, dass den Menschen von solchen Heilern das Geld aus der Tasche gezogen wird. Wie es hier mit der Medikation gegen Aids gehalten wird, weiß ich noch nicht, aber in Südafrika ist es so, dass die Medikamente teilweise gratis zu bekommen sind. Viele der Menschen gehen trotzdem lieber zum Heiler, der dem Virus eigentlich nichts entgegen zusetzen hat, um sich dort für viel Geld „behandeln“ zu lassen.

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