Kulturelle Herausforderungen

Es gibt eine Sache, die mir hier wirklich schwer fällt: alles aus der Hand zu geben. Die Familie möchte, dass ich mich rundum wohl fühle und würde am liebsten ALLES für mich machen. Sei es Wäsche waschen, putzen, bügeln, kochen, einkaufen, Wasser zubereiten, Rucksack tragen oder ähnliches. Jeder Handgriff soll mir abgenommen werden und das ist für mich einfach unglaublich schwer zu akzeptieren, denn ich bin es nun mal gewohnt, solche Dinge selbst zu erledigen und will anderen auch nicht meine Last aufbürden. Ich empfinde es teilweise als unangenehm und ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sehe, wie sehr sich, insbesondere Dativa, aufopfert. Es geht auch nicht wirklich darum, mir Dinge zu zeigen, damit ich sie zu späterem Zeitpunkt selbst machen kann, sondern einfach darum, dass ich nichts selbst machen und mich dadurch wohlfühlen soll. Erreicht wird dadurch teilweise leider Gegenteiliges. Gerade beim Wäsche waschen sage ich immer wieder, dass ich es gerne gezeigt bekommen würde und helfen möchte, aber als Antwort bekomme ich immer wieder nur ein „Don´t worry“. Natürlich bin ich kein Profi in Handwäsche und ich staune nur darüber, wie schnell und mit welch geübten Handgriffen der Prozess von statten geht. Ich würde gerne lernen, mich an das Leben auf dem Land anzupassen, aber es sieht so aus, als würde ich diese Gelegenheit nicht bekommen. Naja, letztes Mal durfte ich zumindest schon mal beim Auswringen helfen. Es geht also vorwärts. Ich denke trotzdem, dass „anpassen“ in diesem Falle für mich heißt, dass ich viele Dinge einfach akzeptieren muss. Eine fast noch größere Herausforderung ist es allerdings „Nein“ zu etwas zu sagen. Alle hier sind unglaublich zuvorkommend und wollen, wie gesagt, dass ich mich wohlfühle. Das mündet dann täglich darin, dass ich noch mehr essen soll und noch mehr trinken. Zum Beispiel hatte ich die letzten Tage plötzlich jeden Abend ein Bier vor mir stehen. Die ersten Male habe ich dieses auch getrunken. Das Problem daran ist nur der simple Fakt, dass Bier treibt und ich so eben nachts raus muss. An sich kein Problem, wäre da nicht die Tatsache, dass ich immer begleitet werden soll, wohin ich auch gehe. Das alleine ist schon anstrengend genug, denn ich würde einfach auch gerne mal alleine die Gegend erkunden, kann aber noch verstehen, dass sie das nicht möchten, einfach weil sie mich sicher wissen wollen. Wenn ich aber gebeten werde, jemanden mitten in der Nacht zu wecken, nur weil ich zur Toilette muss, die 3 Meter vom Haus entfernt steht, sehe ich es einfach nicht ein. Also habe ich dann erklärt, dass ich abends lieber kein Bier mehr trinken möchte. Das allein wird zwar akzeptiert, aber die Blicke sagen mir, dass es eher als unhöflich gilt, wenn ich meine Meinung äußere und eben auch mal „Nein“ sage. Diese Erklärung meinerseits hat nun letztlich dazu geführt, dass ich mittags den Satz: „Schwester, ich glaube es ist besser, wenn du dein Bier jetzt trinkst“ höre. Wenn ich dann allerdings wieder dankend verneine, weil ich einfach keines möchte, gibt es einen Moment der Stille. Es ist wirklich eine Gratwanderung zwischen unhöflich sein und mir und meinen eigenen Bedürfnissen, in Bezug auf freie Entscheidungen, gerecht werden. Ich kann eben nicht immer noch mehr essen und trinken und ich möchte auch nicht ständig ein Bier. Ich denke, man kann dies am besten als „culture clash“ bezeichnen und ich frage mich, wie sich die Menschen in Deutschland fühlen, die aus dieser ostafrikanischen Kultur zu uns kommen.

Kessy habe ich mal versucht, darauf anzusprechen, dass es mir lieber wäre, wenn mir Sachen gezeigt würden anstatt dass sie mir abgenommen würden. Er meinte, dass es eben der Stolz sei, so etwas für mich zu tun. Tja, Stolz. Das ist schon so eine Sache, denn meiner ist es, für mich selbst zu sorgen. Ich denke, dass hat einfach sehr viel mit den unterschiedlichen Kulturen zu tun. Wir in Deutschland leben in einer sehr individualistischen Kultur, in der jeder seinem eigenen Wohl nachstrebt und individuelle Ziele verfolgt. Hier herrscht eher die kollektivistische Kultur – die Gruppe und das Wohl derer ist wichtig. Wen das interessiert, der kann „Kulturdimension – Hofstede“ googlen. Hofstede hat jahrelang Untersuchungen zu den unterschiedlichen Kulturen in verschiedenen Dimensionen gehalten. Kessy erklärte mir später noch, dass es hier ein Sprichwort gibt, welches besagt, dass ein Gast am Boden festgeknöpft wird – also dass ein Gast nichts machen sollte. Für meine Familie hier bin ich eben ein Gast auf längere Zeit. Trotzdem werde ich auch weiterhin versuchen, Stück für Stück mehr mitzuhelfen und meine Freiheit zu gewinnen, denn Kessy meinte ebenfalls, dass ich ruhig direkt sein soll und sagen soll, wenn ich etwas möchte oder eben nicht und dass es auch für die Familie eine komplett neue Erfahrung ist. In einer Dokumentation über Südafrika habe ich mal gesehen, dass ein Motto dort „Ubuntu“ ist, was so viel bedeutet wie „ I am because of you“. Auch wenn Südafrika weit entfernt ist, glaube ich, dass das Motto hier ähnlich ist. An sich sehr schön und es ist auch sehr schön, wie mich die Familie hier aufgenommen hat und mit welcher Hingabe sie sich um mich kümmern. Trotzdem freue ich mich schon jetzt darauf, in Berlin wieder alleine durch die Straßen ziehen zu können und meine Dinge selbst zu erledigen, denn meine Freiheit ist mir in jeglicher Hinsicht sehr lieb.

Die Art und Weise wie Dinge hier „geplant“ werden, finde ich ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Letztens war ich mit Dativa im District Office von SIHA, sodass mich die Offiziellen kennenlernen konnten und über mein Tun Bescheid wussten. Der Besuch war alles andere als schön, denn jegliches Gespräch über meine Arbeit fand auf Swahili statt und das obwohl die Leute auch Englisch sprachen. So wurde alles mit Dativa geplant, deren Englisch nicht ausreicht, um mir etwas zu übersetzen und die auch nicht wirklich interessiert daran schien. Das war schon wirklich heftig und ich wurde nach einiger Zeit auch sauer, da mein Swahili schon dazu ausreichte, um zu verstehen, dass die Planung völlig an meinen Interessen vorbei ging und eigentlich nur beinhaltete, dass ich jeden Tag eine andere Schule besuchen soll. Ich habe dann auch noch versucht zu erklären, dass ich zwar auch Schulen besuchen will, aber dass meine Masterarbeit Priorität hat und ich angesichts der eingeschränkten Zeit auch die Besuche im WMA planen will. Dieser Kommentar wurde natürlich nur mit „Don´t worry!“ beantwortet. Ich kann dieses „Don´t worry!“ wirklich nicht mehr hören. Nach dieser Anwort habe ich sie dann einfach reden lassen und mir gleichzeitig vorgenommen, mit Kessy zu sprechen. Zuhause habe ich das auch direkt getan und ihm erklärt, dass es nicht okay ist, mich mit jemandem, der nur schlechtes Englisch spricht, in eine solche Position zu bringen und mir vorher noch nicht mal konkrete Informationen über das Ziel des Besuchs mitzuteilen. Außerdem erklärte ich, dass die Interviews absolute Priorität haben und ich es nicht gut finde, wenn meine Zeit verplant wird, ohne mich in die Planung einzubeziehen. Er entschuldigte sich und meinte, dass eben jeder ein Stück von mir haben wolle. Daraufhin habe ich nur erklärt, dass ich nicht hier bin, um herumgereicht zu werden und betonte nochmals, dass mit mir geplant werden sollte. Dieses Gespräch hat letztlich einiges bewirkt, denn in den letzten Tagen, konnte ich viele Interviews führen. Außerdem kam Kessy zu einem Besuch beim District Commisioner des Longido District, in dem ein Großteil der Interviews stattfindet, dann auch persönlich mit und die Gespräche fanden mit mir zusammen auf Englisch statt. Manchmal ist die deutsche Direktheit eben doch nötig, denn ich bin mir recht sicher, dass ich in der kurzen Zeit, die ich habe, wenig erreichen würde, wenn ich jeden einfach machen ließe.

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