Kigoma

Ich hatte sie nicht kommen sehen. Aus heiterem Himmel fällt sie vom Dach und klatscht mir direkt vor die Füße: Die erste Grüne Mamba meines Lebens. Da stehen wir nun, ein jeder in der Blüte seines Lebens, das gerade im Film noch einmal vor dem inneren Auge abläuft, und starren dem Gegenüber ins Gesicht.

Was nun?

Angriff oder Verteidigung?

JGI Kigoma

JGI Kigoma

Ein Jeder wiegt seine Chancen ab. Ich bin zwar körperlich überlegen, aber auch schon etwas in die Jahre gekommen, was leider mit in erschreckendem Maße zunehmenden Defiziten in puncto Schnelligkeit einher geht. Dies wollte ich bislang noch nicht so richtig wahrhaben, denn wer gesteht es sich schon gerne ein, dass es auch mit ihm irgendwann einmal nur noch bergab geht, nur werde ich mir dieses Umstandes jetzt, in diesem finalen Augenblick meines noch so jungen Lebens, schmerzlich bewusst.

Verharren in Paralyse. Den Gegner ausgucken wie der Elfmeterschütze den Torwart.

Stille.

Ein Moment, der zwei, drei Sekunden dauert…

Schließlich wird es meiner Kontrahentin zu blöd und sie verschwindet schlängelnd hinterm Haus.

Und ich verschwinde in Schlangenlinien in selbigem. Erstmal Unterhose wechseln…

Vor diesem Hintergrund überläuft mich einmal mehr ein unwohliger Schauer des Grauens. Hatte ich doch infolge systemimmanenter Unzulänglichkeiten (d.h. ich war nicht in der Lage, die Funktionsweise des Schließmechanismus‘ a) zu verstehen und diesen b) entsprechend zu bedienen) zwei Fenster mehrere Nächte lang sperrangelweit offen stehen lassen. Welch überschwängliche Freude hätte sich meiner doch bemächtigt, hätte ich eines Morgens beim Betreten des Bades in die rot glühenden Augen eines Neurotoxin speienden Drachens geblickt…

Jane's Haus

Jane’s Haus

Mit dieser netten Dame werde ich nun also die nächsten Wochen mein Quartier teilen, wobei ich hoffe, dass sie ein ebenso ungern gesehener wie seltener Gast sein werde.

Meine Wohnung ist eigentlich ein Paradies. Jane’s Privathaus, auf dem Gelände des Instituts gelegen, zehn  Meter vom Tanganjika-See entfernt, dessen sanfte Brandung mich nächtens in den Schlaf rauscht. Guaven duften, Vögel zwitschern und über allem wärmt die Tropensonne.

Tanganjika-See

Tanganjika-See

„Du bist zu früh!“, hatte mich Mary, hier Projektleiterin und damit diejenige, die hier in den nächsten Monaten die Richtlinien der Politik bestimmen wird, mit einem breiten Grinsen begrüßt. „So früh hatte hier noch niemand mit Dir gerechnet.“ Stimmt. Sonntagmorgen, kurz nach neun. Eine wahrhaft unchristliche Zeit.

Wohnung beziehen, Büro beziehen. Cool, wie zu Hause. Nur dass ich hier von meinem Büro aus nicht Blick auf den türkischen Friseur und den als Shisha-Bar getarnten Mafiatreff gegenüber habe, sondern zwischen Bananenbäumen hindurch auf die Fischerboote, die tagein, tagaus über den Tanganjika-See kreuzen, schauen darf. Am Horizont erheben sich düster drohend die von Regenwald überzogenen Hügel des Kongo.

In der Ferne grummelt es bedrohlich. „Och“, sagt Mary, „das ist Kongo-Regen, der bleibt da drüben und kommt nicht hierher. Unser Regen kommt meistens aus der anderen Richtung.“

Also bleibt noch Zeit für einen Marsch in die Stadt.

Kigoma ist eine weitläufige Ansammlung von Häusern, bestehend aus vielen Siedlungen, die sich mal hier, mal dort, zwischen Bäumen und Buschland verstecken. Insgesamt sollen wohl an die 160.000 Menschen hier leben, wovon man allerdings nichts merkt. Zwei, drei große Hauptstraßen durchziehen die Stadt, auf denen der Verkehr brummt. Die allgegenwärtigen Motorradtaxis, Bajajis, Minibusse und Fußgänger, Fußgänger, Fußgänger. Nur diese drei Straßen sind asphaltiert, die restlichen Straßen, Wege und Pfade bestehen restlos aus der schweren, rotbraunen Erde, die für diesen Kontinent so charakteristisch ist.

Durch seine Abgelegenheit hat sich Kigoma das Afrikanische bewahrt, das jene suchen, die hierher kommen. Es gibt kaum Weiße, wenn ja, dann haben sie hier solche Jobs wie ich. Der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen. Als Ausgangspunkt für „Expeditionen“ nach Gombe wurde unlängst am Ufer des Sees ein Vier-Sterne-Klotz errichtet, zu dem die vierte Asphaltstraße der Stadt führt.

Und sonst? Unweit von hier, in Ujiji, wurden 1871 mittlerweile legendär gewordene Worte gesprochen: „Doctor Livingstone, I presume?“. Das war’s. Es ist wunderschön hier.

Und die Menschen? Unkompliziert, recht offen, neugierig, ohne eine Spur von Aggressivität oder Abneigung. An das „Hey, mzungu!“ gewöhnt man sich schnell, es ist nicht bös gemeint und wird zumeist von einem Winken begleitet.

Kigoma Central

Kigoma Central

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Kigoma eine, wenn auch kurze, so doch prägende und bis heute erhaltene deutsche Kolonialvergangenheit hat. Am Ende der einen Hauptstraße Kigomas liegt ein für hiesige Verhältnisse monströser wilhelminischer Bahnhof, bei dessen Anblick man sich auch heute noch nach dem ‚Warum?‘ fragt. Kigoma markiert den Endpunkt der Tanganjika-Bahn, die von den Kolonialherren von Dar es Salaam bis hierher quer durchs Land verlegt wurde und die auch heute noch (fast) im Urzustand in Betrieb ist. Auf dieser Bahn wurde 1913 in Einzelteilen das in Papenburg auf der Meyer-Werft gebaute Dampfschiff Goetzen nach Kigoma transportiert, das bis heute unter dem Namen „Liemba“ im Liniendienst auf dem Tanganjika-See unterwegs ist.

Kigoma Bay - Rechts die Liemba

Kigoma Bay – Rechts die Liemba

Die Liemba

Die Liemba

So. Erstmal zu Penny.

Für konsumorientierte Europäer erfordert der Aufenthalt in einer Stadt wie Kigoma eine gewisse Umstellung.

Keine Supermärkte.

Keine Gemüselandschaften.

Kein Convenience-Bereich.

Keine Quengel-Zone.

Keine Christina Stürmer. Abgeschiedenheit kann auch erfreuliche Seiten haben.

Dafür: Gut sortierte Kleinstläden (Dukka), aus Brettern zusammengenagelt und oft der ganze Stolz ihrer Besitzer. Und der Markt selber, dunkle, schummrige, schlammige Gassen, an die sich Stände und kleine Geschäfte schmiegen und zwischen denen man sich verlaufen kann wie in den Suqs von Aleppo (wenn Sie mal dort gewesen sein sollten, bevor sie in Schutt und Asche gelegt wurden). Dort bekommt man alles, vom Teebeutel bis zur Atombombe. Und sollten Sie gerade mal keine Atombombe benötigen oder keine Möglichkeit haben, diese nach Hause zu transportieren, tut es gewiss auch eine Flasche guten spanischen Olivenöls, der halbe Liter zu 10.000 TSH, umgerechnet ca. 5 €. Geht eigentlich, aber irgendwie auch unfassbar. Wie mag diese Flasche ihren Weg bis in diesen Laden gefunden haben?

Am Markt

Am Markt

Mit detaillierten Preisinformationen ausgestattet (man will sich ja nicht übers Ohr hauen lassen. Ein bisschen Nepp? Sehr gerne, aber NICHT ohne Gegenwehr!) verfranse ich ich mich auf der Suche nach der Gemüseabteilung zunächst einmal gründlich, zwänge mich zwischen Zahnpastatuben, Deorollern, Reissäcken und Hühnern ohne Kopf durch die engen Gassen, bis ich schließlich vor Tomate, Papaya und Co. stehe, wo man mir, entgegen aller Erwartungen, von vorneherein nicht mehr als den ortsüblichen Preis in Rechnung stellt. Sehr erfreulich.

Als ich im strömenden Kongo-Regen meine Errungenschaften zum Institut schleppe, grast am Straßenrand, direkt am Präsidentenpalast (Vorsicht, nicht fotografieren, die Wachen haben sehr nervöse Finger am Abzug!!!) in aller Seelenruhe eine Herde Zebras.

Angekommen…

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2 Kommentare zu Kigoma

  1. Jörg Kerner sagt:

    Yes, das sind die Eindrücke, die mich immer wieder nach Kigoma treiben. Schade, dass du dann nicht mehr da bist, wenn ich im Juli nach Mwamgongo und Bugamba fahre. Wir begleiten in der Gegend zwei Dispanceries. Emmanuel Mtiti JGT (Dar) ist Mitglied in unserem kleinen Verein. Wünsche dir weiterhin viel Herzblut und Erlebnisse…. macht Spaß dir lesend zu folgen…. Jörg

  2. John de Graaff sagt:

    In 1994 during the Refugee crisis . I was based in Kigomo for International Rescue commit I had the privatieve to meet Jane Goodall.
    A Nice sweet lady . A couple of weeks later I visites Gombe park. Just a great location.

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