Kaffee „Made in Gombe“

Naturschutz funktioniert nur, wenn jene Menschen, die in der Region leben, die geschützt, erhalten oder wiederhergestellt werden soll und die dort in, aus und mit der Natur leben und ihre Familien ernähren müssen, „mitgenommen“ werden. Für sie muss ein Sinn darin bestehen, dass sie eben nicht die Berge kahlschlagen, um Holz zur Holzkohleherstellung zu gewinnen, dass sie nicht die letzten Nährstoffe aus dem ausgelaugten Boden herausquetschen, um ihm vielleicht noch eine letzte Ernte abzuringen und anschließend eine staubige Wüste zu hinterlassen.P1020903

Sie müssen wissen, warum es Sinn machen könnte, Elefanten und Löwen zu schützen. Elefanten walzen schließlich die Ernte platt, Löwen reißen das Vieh und sind eine Bedrohung für die Menschen.

Wie schwierig solch eine Mitnahme ist, kann jeder an dem Grad der Hysterie erkennen, die immer dann auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft ausbricht, wenn nach Jahrzehnten der Abwesenheit irgendwo in Deutschland Wölfe gesichtet werden oder jemand etwas von „Problembären“ stammelt.P1020899

Wie einfach ist es da doch, anklagend mit dem Finger auf Afrika oder Asien zu zeigen und sich wieder dem kalt-warmen Buffet zuzuwenden…

Aber ich schweife ab.

Ideen und Visionen funktionieren nicht, indem man fernab der Realität das Ei des Columbus erfindet, mitbringt und den Menschen mit der Bitte, dies ohne schuldhaftes Zögern umzusetzen, präsentiert.P1020904

Ideen und Visionen müssen eingebunden sein in realistische Perspektiven für die lokale Bevölkerung. Nachvollziehbar, vermittelbar, umsetzbar.

Eine dieser Visionen ist die Rukoma Coffee Cooperative, 40 km nördlich Kigomas, am Rande des Gombe Nationalparks, wo Kaffee für den sogenannten „Gombe Reserve Coffee“ angebaut wird. Gemeinsam mit dem JGI engagiert sich dort seit einigen Jahren auch ein großer Münchner Kaffeeröster.

Hier werden nachhaltige Bodennutzung, Ausbreitung der vormals vorhandenen ursprünglichen Vegetation durch Umwandlung ehemaliger landwirtschaftlicher Nutzflächen und durch Direktvermarktung erzielte gute Preise für die Bauern miteinander kombiniert. Renaturierung und Fair Trade in einem.

Anlieferung

Anlieferung

Zwar handelt es sich hierbei auch „nur“ um eine Tätigkeit des primären Sektors, aber es ist ein erster Schritt…

Da will ich heute mal hin.

Die gut ausgebaute Teerstraße, die ein chinesisches Konsortium in den Berg gesprengt hat, steigt stetig bergan. Mehrere hundert Höhenmeter sind zu überwinden, um zu den Bauern zu gelangen. Die Natur wird grüner, satter, die Luft wird kühler, frischer, ein leichter Windzug geht. Perfekte Bedingungen für guten Kaffee.

Verlesen

Verlesen

Im Büro der Kooperative prangt stolz das Konterfei Jane Goodalls, die mit ihrem Gesicht und Namen für nachhaltige und artgerechte Erzeugung steht. Eine nicht zu unterschätzende Hypothek…

Unmittelbar daneben hängt, afrikanisch windschief, das Zertifikat über den Gewinn eines Qualitätspreises im Jahre 2002, auf das ebenso stolz verwiesen wird.

Die nackten Fakten:P1020926

In der Kooperative sind etwa 1600 Kaffeefarmer organisiert, die pro Jahr ca. 400 – 500 Tonnen Kaffee produzieren. Jeder Farmer bewirtschaftet dabei durchschnittlich 1,5 Morgen Land.

P1020923In der Kooperative werden die Arbeitsschritte vom Anbau, über Ernte, verlesen, waschen, trocknen, entzuckern, schälen, trocknen bis zum zweiten Mal schälen durchgeführt. Dafür gibt es auf dem Gebiet der Kooperative fünf Stationen, in denen gewaschen, verlesen, gewogen, registriert usw. wird.

Die Fahrt durch das Anbaugebiet gerät zu einer idyllischen Kaffeefahrt. Nur ohne Rheumadecken und 64teiligem Kaffeeservice. Gleich die komplette Bürobesatzung möchte zum Gelingen meiner Besichtigung beitragen und so quetschen sich noch sechs weitere, gut gelaunte, Gesellen zu Shadrach, Fahrer Dawson und mir in unseren Toyota Landcruiser und wir rumpeln als fröhlich schnatterndes Ensemble durch die Kaffeefelder.

Erstes Schälen

Erstes Schälen

Zwar erschließen sich mir die speziellen Zuständigkeitsbereiche meiner Reisegefährten noch nicht so all umfassend, aber, wenn sich ihnen so die Möglichkeit bietet, einmal dem tristen tansanischen Büroalltag zu entfliehen, bin ich gerne bereit, dabei behilflich zu sein.

Nicht jede Familie baut ausschließlich Kaffee an. Zwischen den Sträuchern stehen Bananenstauden, wachsen Cassava, Gurken, Süßkartoffeln. Man wohnt auf der Parzelle, die man beackert, wild romantisch verstecken sich mit Palmwedeln oder Wellblechplatten gedeckte Hütten aus in der Sonne gebrannten Lehmziegeln hinter Bäumen und Sträuchern. Auch hier gibt es nur in den größeren Siedlungen Strom, an den Häusern jedoch ist erkennbar, dass ein bescheidener Wohlstand bei den Farmern schon Einzug gehalten zu haben scheint.

P1020946

Lange Schlangen aus Erwachsenen und auch Kindern säumen den Weg, alle beladen mit Kaffeesäcken, die sie entweder auf dem Kopf oder per Fahrrad zur nächsten Sammelstelle transportieren. Spätestens acht Stunden nach der Ernte müssen die Kaffeebeeren zum Waschen und Verlesen gebracht werden. Geerntet wird von April bis August, und da immer nur ein kleiner Teil der an einem Strauch befindlichen Beeren reif ist, hat der fleißige Landmann in dieser Zeit eigentlich tagtäglich alle Hände voll zu tun.

Immer wieder heißt es: Bitte warten!

Immer wieder heißt es: Bitte warten!

Denn mit dem bloßen Abliefern an der Sammelstelle ist es ja nicht getan.

Schritt 1: Ankommen. Abladen. Warten, dass eine der ausliegenden Plastikplanen frei wird.

Schritt 2: Eine der frei gewordenen ausliegenden Plastikplanen ergattern.

"Entzuckerung"

„Entzuckerung“

Schritt 3: Säcke auf der ergatterten Plastikplane auskippen.

Schritt 4: Unter den wachsamen Augen der Offiziellen der Kooperative die schlechten oder unreifen Beeren aussortieren, bei Bedarf sind lautstarke Diskussionen über die Qualität der Beeren zu führen. Jede Beere, die aussortiert wird, bedeutet einen Realverlust für den Bauern und darum wird um jede Frucht gefeilscht. Stahlharte Nerven und eine gewisse Teflon-Beschichtung sind hierbei durchaus von Vorteil.

Schritt 5: Verbliebene Beeren wieder in Säcke packen. Anschließend: Warten darauf, dass eine Waschtonne frei wird.

Sollte man diese ergattert haben, folgt

Trocknen

Trocknen

Schritt 6: Waschen. Beeren in die Tonne kippen, Wasser drauf, umrühren, fertig. Warten. (Jetzt wissen Sie auch, warum Kaffee so teuer ist – es braucht alles seine Zeit.)

Schritt 7: Jene Beeren, die nach mehrmaligem Umrühren oben treiben, abschöpfen und wegwerfen. Nur die auf den Boden der Tonne abgesunkenen Beeren sind für die Weiterverarbeitung geeignet.

Schritt 8: Wasser auskippen, verbliebene Beeren wieder in Säcke verladen. Warten. (Jetzt werden Sie bloß nicht ungeduldig, wie Sie da so mit Ihrem Sack Kaffee in der Schlange stehen! Stellen Sie sich vor, Sie müssten das jeden Tag machen!)

P1020938Denn jetzt kommt das, worauf Sie schon die ganze Zeit gewartet haben, seit Sie mit Ihrem Sack an der Sammelstelle aufgetaucht sind. Jetzt kommt der alles entscheidende

Schritt 9: Vorführen der Ware beim Wiegeverladekontrollaufschriebsbeamten der Kooperative an der Waage der Wahrheit. Alles vorher Geschehene ist hier unwichtig, interessiert niemanden mehr. Wichtig is aufm Platz und dieser Platz ist hier und jetzt. Dieser Mann bestimmt, wer Sie sind, wie viel Sie wovon abgeliefert haben und wie viel Sie dafür bekommen. Das schreibt er auf und garantiert dafür; sein Aufschrieb ist bares Geld. Damit sind Sie entlassen und Ihre Sorgen und Verantwortung los.P1020931

Letzte Saison erhielten die Bauern nach Abzug aller Kosten 3,000 TSH für ein Kilo Beeren, umgerechnet ca. 1,35 €. Vor zwei Jahren, als der Weltmarktpreis für Kaffee um ein Vielfaches höher lag, waren es angeblich noch 8,000 TSH pro Kilo, also etwa 3,60 €. Für diese Saison peilt man einen Wert irgendwo dazwischen an.

P1020940Anschließend läuft alles mehr oder weniger halbautomatisch. Die Beeren kommen zunächst auf einen großen Haufen und werden dann oben in eine im Dauerbetrieb befindliche Maschine hineingeschüttet, deren Prinzip ich bis heute nicht verstanden habe. Zumindest kommen unten dann, fein säuberlich getrennt, Kaffeebohnen und Schalen wieder heraus. Fast so wie bei der Grillhendlherstellungsmaschine, die ich mal gesehen hab. Da kamen vorne auch, an den Füßen aufgehangen, gackernd und flügelschlagend, die Hühner rein und hinten, immer noch an den Füßen hängend, gerupft und ohne Kopf wieder raus. Gruselig…

Sammelstation mit Aussicht

Sammelstation mit Aussicht

Danach werden die Bohnen einem erneuten Wasserbad zugeführt. „Um ihnen den Zucker zu entziehen“, erklärt mir einer meiner sechs Reisegefährten. Hmmmh, ok… Man lernt ja nie aus.

Dann: Noch ein großer Haufen, diesmal aus Kaffeebohnen. Langsam verliere ich den Überblick.

Die letzte Schälung

Die letzte Schälung

Von dort aus geht es dann endlich zu den großen Trocknungsgestellen, die ich schon von weitem gesehen habe. Dort müssen die Bohnen zwei Wochen lang in der Sonne dörren. Anfassen strengstens untersagt!

Ein letzter Arbeitsschritt ist das Entfernen der zweiten Haut in einer Maschine, die eine komplette Lagerhalle ausfüllt und schon sind die Kaffeebohnen made in Gombe fertig für die Reise in die Röstereien der Welt.

Sorten werden weiter entwickelt und neu gezüchtet...

Sorten werden weiter entwickelt und neu gezüchtet…

Vielleicht denken Sie ja daran, wenn Sie das nächste Mal ein Päckchen Kaffee in der Hand halten…

Dieser Beitrag wurde unter Roots and Shoots, till's Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Kaffee „Made in Gombe“

  1. Beckmann, Patricia sagt:

    Ich habe gerade den Artikel der Verarbeitungsschritte gelesen und frage mich, ob man für z.B. ein Jahr eine gewisse Geldsumme dort jemandem zur Verfügung stellen kann und sie nachher – nach der Ernte – dann wieder zurückerhalten kann. Sozusagen wie einen Mikrokredit, den es dem Menschen dort ermöglicht, Saatgut einzukaufen und danach etwas erwirtschaftet werden kann, das dann Gewinn abwirft. Welche Projekte sind besonders gut geeignet dafür. Z.B. für eine Summe von 5.000 EURO bzw. 10.000 EURO. Oder mit welcher Summe könnte man GEWINNMAXIMIERUNG betreiben, um das Überleben einer Familie zu sichern??? Besten Dank für eine Rückmeldung. Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen!!! 🙂 Das wäre mein erstrebenswertes Ziel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.