Gombe – Tag 3

Langsam robbe ich durchs Unterholz, bemühe mich, möglichst keinen Laut von mir zu geben, kein Zweigchen zu berühren, keinen Ast mit lautem Knacken unter meinen Stiefeln zu zermalmen. Entspannte Stille. Nur Anups und Fionas Kameras klicken leise. Mit Anton und den beiden Fotografen bin ich hier alleine; ein Glücksfall, denn mit dem Anlanden einer 25köpfigen, schwergewichtigen Touristengruppe aus den USA waren sämtliche verfügbaren Guides vergeben. Die Reisegruppe wollte sich nicht mehr zumuten, als kurz bei Gremlin und ihrem Sohn Gizmo vorbeizuschauen, die auf halber Höhe im Baum hockten und mit einer Mischung aus Verwunderung und Interesse das bunte Treiben unter ihnen beobachteten.

Gizmo

Gizmo

Danach noch Janes Wasserfall und genug mit der Wildnis. Zurück in die Sicherheit der Lake Tanganyika-Hotels.

 Weit weg von uns also.

Wir sind allein.

Perfekt.

Turnunterricht

Turnunterricht

Gremlin hat sich nach ihrem Zoobesuch zusammen mit einem großen Teil der G-Familie, nämlich außer Gizmo noch ihrer Tochter Gaia, deren Tochter Google (an dieser Stelle sei auch noch einmal ausdrücklich dem hier nicht namentlich erwähnten Namenssponsor gedankt) und ihrem halbwüchsigen Racker Gimli mitten auf einem Weg niedergelassen und lässt sich durch nichts stören.

Erst recht nicht durch uns.

Gaia und Gremlin

Gaia und Gremlin

Wir liegen drei Meter entfernt und freuen uns, am Familienleben teilhaben zu dürfen, wobei diese überschwängliche Freude allerdings eher einseitiger Natur sein dürfte. Man würdigt uns keines Blickes und dreht uns den Rücken zu.

Gimli

Gimli

Nur Gimli fläzt sich rücklings unter einen Palme ins Gras und schenkt uns ab und an einen gleichgültigen Augenaufschlag.

Es könnte stundenlang so weitergehen und so vergeht die Zeit mit süßem Nichtstun. Man laust sich gegenseitig, formt Dutzende Chimp-Food-Kerne in der Unterlippe zu großen Ballen, ruft den Nachwuchs zur Räson, wenn er gar zu übermütig wird. Ein Sonntagmorgen wie in jeder anderen Familie auch. Der Vater liest Zeitung, die Kinder hängen vor der Glotze und warten darauf, dass die Mutter aus der Küche kommt und zum Mittagessen ruft.P1020723

Die sonntägliche Ruhe wird jäh durch den fulminanten Auftritt eines ambitionierten Anwärters auf eine der demnächst parkweit auszuschreibenden Alphamännchenstellen (man muss schließlich gucken, wo man bleibt) gestört, der diesen ganzen weißen Affen, die seinen Wald bevölkern, noch einmal deutlich ins Gedächtnis rufen muss, wer hier im Wald die Hosen anhat. Außerdem kann man sich so schon einmal ins Gespräch bringen

Auftritt Ferdinands, Gremlins kleinem Bruder.

Gremlin

Gremlin

Er kündigt sein Kommen schon von weitem durch lautes Rufen an. Unruhe bricht aus. Ferdinand biegt um die Ecke, sieht uns, setzt sich, lässt uns nicht aus den Augen. Zehn Meter entfernt. Wir stehen auf, ich lasse die Kamera laufen. D-Day. Die Ruhe vor dem Sturm. Du oder ich.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Ruhe vor dem Sturm

Dann geht alles ganz schnell und mit einem markerschütternden Schrei stürmt er auf uns los. Die anderen Schimpansen spritzen in alle Richtungen davon, ein gewaltiger Hieb hinterlässt fünf seiner Finger als knallroter Abdruck auf meinem Allerwertesten, Anup und Fiona hechten kopfüber in die Dornenhecke, Ferdinand rennt weiter zum Fluss rüttelt an Lianen, hebt einen zentnerschweren Steinblock an und wirft ihn in den Bach,

Ferdinand lässt sich nach verrichtetem Tagwerk feiern.

Ferdinand lässt sich nach verrichtetem Tagwerk feiern

bringt sich selber auf die nächste Palme, setzt sich in die Krone, dreht sich um und betrachtet lächelnd sein angerichtetes Werk. „So machen wir das hier. Wer seid Ihr, wer bin ich?“

Fazit: Es kann auch ein Privileg sein und glücklich machen, den Hintern versohlt zu bekommen.

Und so hat jeder etwas davon. Ich freue mich über das Entdecken meiner sado-masochistischen Ader und Ferdinand konnte sich ein Stückchen weiter in Richtung Pole-Position vorarbeiten.P1020712

Begegnungen wie diese müssen aber nicht zwangsläufig immer glimpflich ausgehen. Selbst Jane Goodall wurde einmal von Frodo, dem größten und schwersten Schimpansen, der bislang hier lebte, durch Schläge auf den Kopf schwer verletzt.

Auch wenn die Schimpansengesellschaften hier ach so putzig und friedlich aussehen, müssen wir uns doch immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass wir nicht im Zoo sind, sondern nur als P1020709Gäste unter wilden Schimpansen leben, in deren Territorium wir eingedrungen sind.

Am Nachmittag kehrt wieder Ruhe ein und die Familien rücken näher zusammen. Versunken lausen sie sich und stellen damit den Familienzusammenhalt her. Kein Laut durchbricht die Stille, nur ab und an raschelt das Gras, wenn in eine bequemere Stellung gewechselt wird, dann und wann hört man, was es bei der Familie heute Mittag zu essen gab. Zwölf, dreizehn, vierzehn Schimpansen in versunkenem Frieden, mit sich und der Welt im Reinen.P1020871

Viele der Menschen hier im Camp haben einen großen Teil ihres Lebens mit den Schimpansen verbracht und wurden über die Jahrzehnte des gemeinsamen Zusammenlebens fast so etwas wie Freunde oder gar Familienmitglieder. Und viele begleiteten sie auch von der Geburt bis zum Tod.

Im Herbst 2013 und im Frühjahr 2014 starben, kurz hintereinander, Frodo und Freud, zwei Brüder, die das Schimpansenleben im Park geprägt haben, im Alter von 37 und 43 Jahren.

„Wir hatten Freud schon eine ganze Zeit beobachtet und gesehen, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte“, beginnt Dr. Anton leise zu erzählen, „wir haben ihn Tag und Nacht beobachtet. Er war schwach, wollte nicht mehr richtig fressen und wirkte lethargisch.

P1020872Zu derselben Zeit, während der wir so um Freud besorgt waren, ging es seinem kleinen Bruder Frodo auch immer schlechter. Er war in einen Kampf verwickelt worden und hatte schwere Verletzungen davon getragen. Wenn Schimpansen kämpfen, dann beißen sie sich gegenseitig in die Finger oder Zehen, damit der Gegner nicht mehr klettern kann. Oder sie beißen sich in die Geschlechtsteile. Bei diesem Kampf wurde Frodo schlimm an seinen Hoden verletzt und die Wunden hatte sich infiziert, alles war entzündet. Wir behandelten ihn, gaben ihm Antibiotika und zunächst schien auch alles wieder besser zu werden. Doch leider hielt das entgegen unseren Erwartungen nicht lange und Frodo wurde wieder schwächer und immer schwächer. Er hielt sich von der Gruppe fern und war mehr und mehr nur noch alleine unterwegs. Wir waren immer bei ihm und haben ihn begleitet. Tag und Nacht. Dann kam er eines Tages, es war Ende Oktober, Anfang November letzten Jahres, hinunter zu uns ins Camp. Das war ungewöhnlich, denn dies tat er sonst eigentlich nie und dazu hatte er sich auch mehr und mehr zurück gezogen. Es war, als wolle er uns etwas mitteilen und uns sagen: „Hallo, hier bin ich. Ich bin einsam, ich brauche Hilfe.“ P1020783Er hielt sich den ganzen Tag über im Camp auf, war total schwach und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Gegen Abend ist er dann wieder in den Wald gegangen und ganz langsam und mühselig einen Berg hinauf gestiegen. Irgendwann konnte er nicht mehr und beschloss, dort, wo er war, zu bleiben. Er versuchte noch, auf einen Baum zu steigen, um sich dort ein Schlafnest für die Nacht zu bauen, war aber viel zu schwach und schaffte es nicht mehr auf den Baum. So sammelte er ein paar Blätter und Zweige zusammen, baute ein kleines Nest unter dem Baum und legte sich dort zum Schlafen nieder. Er wusste, dass es für ihn einem Todesurteil gleich gekommen wäre, auf dem Boden schlafen zu müssen, denn in der Nacht wären die Schweine gekommen, hätten ihn getötet und aufgefressen, aber er schaffte es einfach nicht mehr auf den Baum. Zwei Tierärzte waren bei ihm, die ihn nochmals untersuchten, aber zu unterschiedlichen Schlüssen und Prognosen kamen. Anschließend wurde ein Zelt über ihm errichtet, um ihn vor den Schweinen zu schützen. Dann brach die Nacht herein.

P1020889Ich war an dem Tag nicht in Gombe und kam erst nachts wieder ins Camp, wo man mir von Frodo erzählte. Ich nahm mir eine Taschenlampe und stieg in der Nacht durch den Wald zu ihm auf den Berg, um ihm, mit dem ich fast mein ganzes Leben hier verbracht habe, Lebewohl zu sagen.

Als ich an seinem Zelt ankam, war er bereits tot.

Wie wir durch die Untersuchungen, die wir später machten, herausfanden, hatten die Antibiotika nicht vollends angeschlagen, die Infektion hatte sich in seinem ganzen Körper ausgebreitet, Herz und Lunge befallen und ihn schließlich so geschwächt, dass er daran verstarb.

Über unserer Sorge über Frodo hatten wir leider unseren guten Freud ein wenig aus den Augen verloren. Er schien wieder auf dem Weg der Besserung gewesen zu sein, darum maßen wir Frodo zunächst mehr Bedeutung zu. Freud fraß wieder, bewegte sich wieder schneller und kraftvoller, sodass unsere Zuversicht wuchs, dass es ihm wieder besser gehe.

Dann, im März diese Jahres, verschwand Freud plötzlich. Wir haben ihn überall gesucht und erst am 30. März haben wir ihn gefunden.

Freud war immer ein absoluter Gentleman, sogar zu seiner Zeit als Alphamännchen. Zuvorkommend, höflich, zurückhaltend. Er war so im Leben, und er legte dies auch im Tode nicht ab. Er saß auf einem der Bergkämme, dort, wo die Schweine nicht hingehen und wo er nicht von ihnen gefressen werden konnte.

Er saß dort an einen Baum gelehnt, schaute ins Tal hinunter und hat auf uns gewartet.“

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