Gombe – Tag 2

Ein energisches Rütteln an der Haustür reißt mich unsanft aus meinen süßen Träumen. Schuldbewusst schlurfe ich nach vorne, um die Köchin, die ich ausgesperrt hatte, einzulassen. Diese entpuppt sich hingegen bei genauerem Hinsehen als ein ganzes Rudel Paviane, von denen der dreisteste in bester Altkanzlermanier an meiner Haustür hängt und hier rein will, vermutet er hinter dieser doch die ein oder andere Leckerei.

Pavian müsste man sein...

Pavian müsste man sein…

Ein leichtes Ziehen in der Schläfengegend deutet an, dass es vielleicht gestern doch das ein oder andere Gedeck zu viel war. Aber Konyagi, ein einheimischer Schnaps, der einem trotz seiner nur 35% allein schon vom Riechen die Schuhe auszieht, lässt sich einfach viel zu gut hinter einer Mixtur aus Limettensaft, Zucker und Wasser verstecken…

Frühstück. Ein Blick auf die hinter dem Camp steil ansteigenden Berge verrät mir, dass ein anstrengender Tag auf mich P1020541zukommen könnte. Dr. Anton bestreicht Weißbrotscheiben dick mit Marmite, jener Würzpaste, die sich im britischen Einflussbereich immer noch ungebremster Beleibtheit erfreut, unter der australischen Bezeichnung Vegemite bei uns wohl eindeutig bekannter ist und bei Menschen, die nicht dem erwähnten Einflussbereich zuzurechnen sind, in der Regel blankes Entsetzen hervorruft.

Aufstieg

Aufstieg

„Nach dem Krieg hat man uns Kindern Unmengen von Marmite gegeben, weil da viel Vitamine und Nährstoffe drin sind“, sagt Dr. Anton. „Ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt und kann jetzt nicht mehr davon lassen“, fährt er fort und schiebt mir ein paar Marmite-Sandwiches herüber. Was folgt, ist ein kulinarischer Tiefschlag, den auch ich erst einmal verdauen muss…

Endlich geht es in die Berge, hinaus in den Wald, zu den Affen, zu den Schimpansen.

"Grüne Hölle"

„Grüne Hölle“

Die Berge halten, was ihr Anblick versprach: Barrierefrei ist was anderes…

Nach einem steilen Anstieg schließt sich das Blätterdach über uns und es wird dunkel. Und still. Wir sind allein. Wir steigen weiter bergan. Von Ferne dringen Rufe an unsere Ohren, die uns daran erinnern, dass sich noch andere Lebewesen in diesem Märchenwald befinden. Lianen hängen kreuz und quer, Teile von Parasiten, die einen Baum gänzlich umschließen, ihn am Wachstum hindert und so erdrücken, auf dass er schließlich stirbt. Sie versperren den Weg, halten uns fest, klammern sich an uns, wollen uns nicht gehen lassen aus vielgliedriger Umarmung…

Lianengewirr

Lianengewirr

Wege gibt es nicht viele, dagegen präsentiert sich der Wald, so geschlossen er er nach oben ist, unten teilweise licht und offen. Bäche gurgeln und kaum ein Windzug geht. Nur ab und an knarzt das Funkgerät von Guide Mariam. Die Tracker geben durch, ob sie eine Schimpansengruppe ausgemacht haben und wenn, wo.

Jeden Tag wird versucht, jede Gruppe Schimpansen so weit wie möglich zu begleitet und zu erforschen. Die Tracker bringen die Schimpansen abends ins Bett, das heißt, sie versuchen zu beobachten, wo sie ihre Schlafnester bauen, die jeden Abend an einer anderen Stelle sind.

First Contact

First Contact

Am nächsten Morgen wird dort dann erneut angesetzt, in der Hoffnung, die Gruppe wiederzufinden. Sollte das gelingen, wird dies per Funk an die Guides weiter gegeben. Die heutigen Erfolgsmeldungen sind eher spärlich bis nicht existent. Schließlich sind wir nicht im Zoo. Es heißt, Geduld zu haben.

Dann plötzlich, ein Knacken, eine Meldung aus dem Unterholz: Schimpansen.

Keine zehn Minuten später stehe ich hüfttief in einem Gewirr aus Lianen, Palmwedeln, Gestrüpp und wasweißich, in das in soeben eingebrochen bin und kann förmlich spüren, wie mir die Kobras um die Beine streichen. Es geht keinen Schritt mehr vorwärts. Jeder Versuch, einen Fuß auch nur einen Zentimeter bewegen zu wollen, wird umgehend von zahllosen dünnen, bedornten Schlingpflanzenlianenschnüren zunichte gemacht, P1020482die sich wie von Geisterhand um meine Füße gewickelt haben, sich mit jeder Bewegung fester zuziehen und ein Weiterkommen immer unmöglicher machen. Ich bin gefangen.

Eben gerade noch saß ich doch an einem Hang und habe einer Schimpansenmutter im Unterholz beim Spielen mit ihrem Kind zugesehen. Schemenhaft, aber faszinierend.

Neugierde

Neugierde

Wie komme ich jetzt hierher? Schweiß rinnt mir in die Augen, Hemd und Haare kleben verdreckt am Körper. Meine leicht derangierte Erscheinung wird mittlerweile durch eine komplette ruinierte Frisur abgerundet. Auch das noch.

Zaghafte Blicke

Zaghafte Blicke

Das kommt davon, wenn man an einer 45°-Steigung versucht, Tuchfühlung mit einer Gruppe Schimpansen zu halten, die mit der ganzen Leichtigkeit des Seins unerträglich behände durch den Urwald turnt. Und wo sind die anderen? Sie haben es geringfügig cleverer als ich angestellt, Kunststück, machen sie diesen Job ja auch schon seit ein paar Jahren, befinden sich einige Meter unterhalb und schauen erwartungsvoll zu mir hoch. Eine Ewigkeit später komme ich auf allen Vieren angerutscht. Die Schimpansen sind fort. Wir haben sie wieder verloren.

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Wir sind zu fünft. Ein Tracker, ein Researcher, Guide Mariam, Dr. Anton, der für meine Anwesenheit schon deswegen dankbar ist, weil er so zum ersten Mal in diesem Jahr Gelegenheit hatte, in den Wald zu kommen, und ich.

Die Researcher haben den schwierigsten Job und krabbeln immer mit Papier und Stift bewaffnet durchs Unterholz. Alle fünfzehn Minuten werden die Tätigkeiten der einzelnen Schimpansen notiert. Akribischer noch werden die Mutter-Kind-Beziehnungen vermerkt.

Urwaldschönheit

Urwaldschönheit

Alle zwei Minuten heißt es: Wo ist das Kind, wo ist die Mutter? Wie weit sind sie von einander entfernt? Kümmert das die Mutter undsoweiterundsofort. Ein Knochenjob.

Die Schimpansen sind heute nicht gnädig mit uns. Eine erste Demonstration, wer hier im Wald das Sagen hat. „Ihr findet uns nur, wenn wir das wollen!“ Für den Rest des Tages bleiben sie unseren Blicken verborgen.

Wanderameisen

Wanderameisen

Dabei ist Gombe so viel mehr als „bloß“ Schimpansen. 2500 Paviane ziehen durch den Wald. Ihnen begegnet man auf Schritt und Tritt. Und nicht nur dort, sie sind überall. Sie rütteln nicht nur an Haustüren, sondern tummeln sich überall dort, wo sie Fressbares vermuten. Und wenn man nicht aufpasst, stibitzen sie einem das Brot vom Teller. Ein perfider Gedanke durchzuckt mein ausgezehrtes Hirn: Kann ich auf diese Weise vielleicht morgen früh unbemerkt meine Marmite-Sandwiches verschwinden lassen oder fällt die Anwesenheit einer Pavianhorde in Janes Haus unter Umständen doch zu sehr auf? Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen…

Paviane suchen im Flussbett nach Krebsen

Paviane suchen im Flussbett nach Krebsen

Andere Paviangruppen lausen sich direkt auf dem Bootsanleger oder suchen im Flussbett nach Krebsen, Würmern, anderem Getier. Ihr Rufen zieht sich durch den ganzen Wald.

Wir ziehen weiter durchs Dickicht. Längst ist meine Wasserflasche leer und ich habe wie von Geisterhand aufgehört zu schwitzen. Die Zunge klebt am Gaumen und ich gäbe so einiges für einen kühlen Humpen, als sich Dr. Anton mit freudigem Jubeln auf einen Busch mit lauter dunkelgelben Früchten stürzt und beginnt, sich diese mit wahrer Begeisterung einzuverleiben. „Super Chimp-Food“, strahlt er,

Chimp-Food

Chimp-Food

„pass auf die Kerne auf!!!“ „Wer, wenn nicht er“, denke ich mir und schiebe mir vorsichtig die ersten Beeren in den Mund. Seifig-frisch mit leicht pelzigem Abgang. Wie gut, dass mein Bett direkten Zugang zur Nasszelle hat…

Immer wieder gibt die geschlossene Baumdecke den Blick auf den Himmel frei und wenn man am Hang steht, kann man mitunter den Tanganjika-See in der Ferne glitzern sehen.

Hoch oben in den Baumkronen tobt das Leben. In einem wilden Knäuel fechten unter lautem Gekreisch zwei Herden Rotschwanzmeerkatzen Territorialstreitigkeiten aus, nicht weit davon entfernt springen Colobus-Affen in waghalsigen Manövern von Baum zu Baum. „Colobus-Affen sind die bevorzugte Beute der Schimpansen“, sagt Dr. Anton.

Colobus im Anflug

Colobus im Anflug

„Die anderen Affen sind viel zu schlau und fliehen, wenn sie Schimpansen sehen, aber die Colobus sind einfach ein bisschen dämlicher als der Rest. Die bleiben solange im Baum sitzen, bis die Schimpansen da sind und sie einfach nur herunter zu pflücken brauchen.“

Da heute keine Schimpansen mehr zu erwarten sind, schlagen wir den Bogen über Jane’s Peak, der weitesgehend von den Tagestouristen noch unentdeckt ist (zu steil und zu weit weg),

Die Frise im Eimer, dafür aber ne super Aussicht an historischer Stelle

Die Frise im Eimer, dafür aber ne super Aussicht an historischer Stelle

genießen die Aussicht über den Park und den See und gelangen schließlich an „ihren“ berühmten Wasserfall. der leider viel von seiner Schönheit und Märchenhaftigkeit eingebüßt hat, seitdem die Parkverwaltung ihn zur Wasserversorgung des Camps halb einbetoniert hat. Ich schöpfe Wasser aus dem, so sage ich mir, unbelastet sprudelnden Bergquell und mische selbiges im Magen mit dem fleischig-gelben Chimp-Food.

"Janes" Wasserfall

„Janes“ Wasserfall

Wenn schon, denn schon. Mein Bett hat ja… Aber ich glaube, das erwähnte ich bereits. Noch eine kurze Rast, und wir sind zurück im Camp.

 Das Bier ist warm, na klar. Aber wenn man sich so in der Abendbrandung des Tanganjika-Sees treiben lässt, nach Krokodilen Ausschau hält und seinen Gedanken nachhängt, dann schmeckt auch warmes Bier…

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Ein Kommentar zu Gombe – Tag 2

  1. Maria SPITZNAGEL sagt:

    Es ist einfach wunderbar!!!
    Mein unerfüllter Lebenstraum.
    Ich habe sämtliche Bücher über Schimpansen gelesen u die von Jane Goodall sowieso.
    Die G-Familie ist mir seit Jahren „wohlbekannt“
    Schimpansen sind die wunderbarsten Tiere.
    Alles Liebe
    Maria

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