Gombe – Tag 1

Hektisches Rufen kündigt ein unmittelbar bevorstehendes Ereignis an. Ein Rufen, das sich von dem Geräuschpegel hier an Kibrizi Beach deutlich abhebt. Ein Pick-Up stößt, sich langsam rückwärts voran tastend, durch die brackigen Fluten das Tanganjika-Sees zu unserem Boot vor. In einer hochgradig bedenklichen Konstruktion türmen sich zwei Sofas auf der Ladefläche. Diese sollen nun in unseren 8-Meter-Kahn verladen werden. Die Arbeitsaufteilung ist dabei immer dieselbe: Zwei buckeln, fünf geben Tipps, ein bis drei haben die Oberaufsicht. Ziel der Aktion: Weder Sofas noch Boot in deren Grundstruktur dermaßen beschädigen, dass eine weitere zweckgerichtete Verwendung unmöglich wäre. Beides gelingt im Ansatz. Mit Verladung haben die Sofas mindestens 50% ihres Werts eingebüßt. Aber das kennt ja jeder, der schon einmal mit einem Neuwagen vom Hof eines Autohauses gerollt ist.

Gewusel an Kibrizi Beach

Gewusel an Kibrizi Beach

Ich sitze auf der schaukelnden Reling eines Bootes der Nationalparksverwaltung von Gombe, das den Rest der Passagiere und mich bereits vor einer Stunde ebenda hätte abliefern sollen. Aber immer wieder fehlte irgend etwas. Zwei Sofas zum Beispiel.

Von Kibrizi nahe Kigoma legen die Boote in den Kongo, nach Burundi und eben nach Gombe ab. Es gibt keinen Hafen, keine Mole. Die Boote fahren direkt auf den Strand, werden entladen, beladen und legen vom Strand wieder ab. Das Wasser des Sees besteht hier zu einem großen Teil aus Plastiktüten, Zigarettenkippen und Ölfilm und inmitten von Paketen schleppenden Lastenträgern und ausgepumpter Bilge waschen Frauen Wäsche oder schrubben ihren Nachwuchs sauber, spielen Kinder ausgelassen im Wasser.

Im Juli 1960 saß die 26jährige Jane Goodall zusammen mit ihrer Mutter auch in einem Boot auf dem Tanganjika-See und fuhr Richtung Gombe. Sie hatten Kigoma hinter sich gelassen, das zu dieser Zeit überfüllt war mit ehemaligen belgischen Siedlern aus der sich auflösenden Kolonie Kongo, die am gegenüberliegenden Seeufer lag.

Kinderwäsche

Kinderwäsche

Gombe war damals noch ein einfaches Wildreservat, eine zum Teil landwirtschaftlich genutzte und besiedelte Steppen- und Buschlandschaft, die sich erst in den Jahren danach in den Urwald verwandeln sollte, der sich heute Gombe Stream National Park nennt.

Jane Goodall kam, um das Leben und Verhalten der dort lebenden Schimpansen zu erforschen und machte Entdeckungen, die das Selbstbild der Menschheit verändern sollten.

Sie hatte Geld für sechs Monate.

Sie blieb 26 Jahre.

Und kehrt bis heute regelmäßig dorthin zurück.

Wäschewäsche

Wäschewäsche

Ob sie damals denselben Weg genommen hat wie ich heute, weiß ich nicht, ich schaue vielmehr dem sich gerade absentierenden Premiumtechniker hinterher, der mir soeben freudestrahlend glasigen Blickes und mit leicht schleppend-feuchter Aussprache verkündet hat, er arbeite ja nun bereits seit 25 Jahren höchst erfolgreich als Bootsmotortechniker für Tacare, habe sich gerade in der Stadt ein paar Bier genehmigt und sei nun auf dem Weg nach Hause zu Frau und Kind. Neben mich habe er sich gesetzt, weil er keinen Bock habe, dabei zu helfen, das Boot nebenan, mit dem er gleich abzulegen gedenke, vom Strand ins Wasser zu schieben.

Beladetechnik

Beladetechnik

Als die anderen Männer ihre Arbeit verrichtet haben, grinst er mich verschwörerisch an, drischt mir zwischen die Schulterblätter, wechselt von meinem Boot auf das nebenan ablegende, verfängt sich dabei in der Reling und landet mit lautem Krachen außerhalb meines Blickfeldes eine Etage tiefer zwischen gackernden Hühnern und staubenden Holzkohlesäcken im Bauch des Bootes. Na dann, gute Reise und Empfehlung an die Frau Gemahlin…

Lastenträger beladen die Boote

Lastenträger beladen die Boote

    Es dämmert bereits, als wir ablegen und mir gehen wieder die Piratengeschichten durch den Kopf, die jeder hier kennt, der nachts auf den See hinaus muss. Nicht daran denken, Seewind um die Nase wehen lassen. Zwei Stunden Ruhe bis Gombe.

Wie schon bei der Reise zu den Solardörfern ziehen Wälder, Dörfer und abgeholzte Landschaften an mir vorbei, während wir nordwärts schippern und ich freue mich, endlich die Gelegenheit zu bekommen, ins „Herz Jane Goodalls“ fahren zu können. In Kigoma für Jane Goodall gearbeitet zu haben, ohne in Gombe gewesen zu sein, ist eigentlich undenkbar.

Im Gombe Nationalpark versucht man mittlerweile den eiertanzenden Drahtseilakt zwischen Forschung, Naturerhaltung und dem zur Finanzierung dessen notwendigen Tourismus. Gombes Vorteil ist seine Abgeschiedenheit, die ausschließliche Erreichbarkeit per Boot. Dies und recht kernige Eintrittspreise von 100 US$ pro Tag sollen die ohnehin noch recht spärlichen Touristenströme weiter in geregelte Bahnen lenken.

Aber auch dies hält viele nicht davon ab, im 4-Sterne-Resort Lake Tanganyika in Kigoma das Komplettpaket „Urwald Erleben“ mit garantierter Schimpansenfütterung zu buchen und anschließend mit hochroten Köpfen, Shorts, Sandalen und hochgeklappten Sonnenbrillenaufsätzen kamerabewehrt durch den Urwald zu schnaufen und sich einen Zoo wie diesen eigentlich ganz anders vorgestellt zu haben. Die Abgelegenheit verschafft der ganzen Unternehmung zusätzliche Explorerromantik. Und kommen von diesen Entdeckern dann, wie während meines Aufenthalts geschehen, 25 auf einmal, sind die Kapazitäten des Parks erschöpft.

DSCN0339Ein verlorenes Paradies?

Veränderungen sind wohl unvermeidlich, denn eine stetig zunehmende Bevölkerung drückte immer weiter an die Grenzen des Parks und der Kampf um die immer knapper werdenden Ressourcen begann. Naturschutz war Luxus, der letzte Büffel wurde 1979 geschossen.

Ganz langsam zeigen Renaturierungsmaßnahmen Wirkung und der Wald rund um Gombe, der zuvor zur Holzkohlegewinnung nahezu komplett abgeholzt worden war, breitet sich auch wieder über die Parkgrenzen hinaus aus. Aber es wird wohl nie wieder so werden wie in den 60er Jahren, als noch Leoparden und Büffel durchs Revier zogen und tägliche Begleiter waren.

Bucht am Camp

Bucht am Camp

Zwei Stunden später hieve ich neben meinem Rucksack auch meine zwei Zentner Care-Paket aus dem Boot. Jede Möglichkeit, das Camp zu versorgen wird von den Leuten dort umgehend ergriffen und so bekommt man als Begrüßungsgeschenk noch vor dem Eintreffen eine umfangreiche Einkaufsliste mit der Bitte um Kenntnisnahme und weitere Veranlassung zugestellt. Bei den hiesigen Marktpreisen hält sich die finanzielle Belastung in Grenzen und schließlich profitiere ich ja auch selber davon. Wo sollten denn auch sonst die Bratkartoffeln herkommen, von denen ich hoffe, dass sie mich demnächst erwarten werden?

Am Steg wartet bereits Anthony Collins auf mich, Gombe-Urgestein, seit 1972 im Park, von Haus aus Pavian-Forscher und einer von Jane Goodalls engsten Vertrauten. Mit Dr. Anton, wie er hier heißt, darf ich die nächsten Tage verbringen. Freudestrahlend nimmt er mich in Empfang. Oder doch eher mein Fresspaket??? Mit schelmischem Blick vorgetragenes schottisches Understatement ist manchmal zu viel für eine klar durchstrukturierte teutonische Seele…

Dr. Anton

Dr. Anton

Wie immer, wenn ich englischen Muttersprachlern gegenüber stehe, verschlägt es mir ob deren Eloquenz zunächst einmal die Sprache und ich bekomme als Begrüßung lediglich ein Grinsen heraus.

Ich quartiere mich im Gästehaus des Nationalparks ein, für das der Architekt weiland einen Preis in Empfang nehmen durfte. Wahrscheinlich für die außergewöhnliche Leistung, ein Haus mit Zimmern ohne Fenster oder sonstigen Belüftungsmöglichkeiten zu konstruieren und dies auch noch abgenommen und bezahlt zu bekommen. Dafür hat man vom Bett direkten Zugang zur Nasszelle.

Wir gehen im Mondschein durch den Wald, allein mit dem Knirschen des Kies‘ unter unseren Füßen, den Nachtgeräuschen des Waldes, ein Rascheln hier, ein Zirpen dort, und dem stetig lauter werdenden Tuckern eines kleinen Dieselgenerators, das Janes erstes Haus ankündigt, das gerade von einem indisch-britischen Naturfotografenpärchen bewohnt wird. Schließlich erreichen wir ihr jetziges, 1972 erbautes, Haus, in dem jetzt auch Dr. Anton wohnt.

Versteckt: Jane's erstes Haus

Versteckt: Jane’s erstes Haus

Der Nachtwind streicht sachte durch das offene Haus, nur ein paar kleine Solarlampen erhellen das Dunkel und lassen ab und an einen Gecko erahnen, der auf der Suche nach Beute die Wände rauf und runter huscht. Die Holzkohle im Herd knistert leise und die Milliarden Sterne der südlichen Hemisphäre spiegeln sich auf dem Tanganjika-See, der direkt vor dem Haus sachte an den Strand plätschert.

Dr. Anton kommt mit zwei Gläsern aus der Küche und drückt mir einen Drink in die Hand. „Jane likes it simple“, sagt er und nippt.

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