Essen

Nach längerer Abstinenz meldet ich mich heute mal wieder zurück und nutze das stadtweit in Discolautstärke live übertragene Freitagsgebet ein wenig als Inspiration.

Essen. Bald ist ja Mittag und das Frühstück liegt mir immer noch schwer im Magen.

Zugegeben, Gwyneth Paltrow hätte es hier schwer.

Low-Carb ist hier gerade nicht so en vogue.

Unsere kohlenhydrat-entleerte Hollywood-Queen würde beim hiesigen Nahrungsangebot und den Essgewohnheiten der Westtansanier schlicht und ergreifend verhungern.

Böse Zungen könnten nun geneigt sein, ihr einen mehrmonatigen Aufenthalt im östlichen Afrika anzuempfehlen, aber, seien wir doch mal ehrlich, unter Umständen entginge uns dann noch die ein oder andere herzzerreißende Oscarverleihung. Und darum wäre es doch nun wirklich schade.

Pure-Carb zwischendurch: Süßkartoffel

Pure-Carb zwischendurch: Süßkartoffel

Aber hinter einem flapsigen Aufmacher verbirgt sich nur allzu oft ein ernster Hintergrund. So ist nicht Unterernährung in weiten Teile Tansanias ein Thema, sondern Mangelernährung.

In weiten Teilen der Bevölkerung bestehen die Mahlzeiten in erster Linie aus Reis und Soße. Oder Ugali. Und Soße. Dies hat zum einen Kostengründe, Reis und Maismehl sind recht preiswert zu erstehen, zum anderen, und dies in erster Linie, hat es ganz pragmatische Gründe.

Essen wird hier nicht zelebriert sondern dient der Energieversorgung des Körpers. Und so wird das gegessen, was Energie gibt, schnell satt macht und lange vorhält.

Und es gibt nicht wenige, die in großer Armut auf den Dörfern rings um Kigoma leben, die sich einen Großteil ihres Lebens von Ugali und Bohnen ernähren müssen, weil der Geldbeutel eben nichts anderes hergibt.

Ein normales Mahl - Ugali, Fisch, Eggplant, mchicha, Kochbanane

Ein normales Mahl – Ugali, Fisch, Eggplant, mchicha, Kochbanane

So bleibt das Essen zumeist eher zweckorientiert und das Kulinarische auf der Strecke. Müßig, hierbei eine Spur „Erotik des Alters“ entdecken zu wollen. Zudem ist Kochen hier übrigens reine Frauensache. Ein Mann sollte sich nicht beim Kochen erwischen lassen. Dann wird er weder von seinesgleichen noch, und dies in allererster Linie, von den Frauen um sich herum mehr ernst genommen und, Höchststrafe, nicht mehr als Mann, sondern als Frau wahrgenommen. Und nichts trifft den tansanischen Mann härter, als seiner Männlichkeit beraubt zu werden.

Diese in unserer vom Genderwahn dominierten Welt doch eher außergewöhnliche Einstellung zur Rollenverteilung geht sogar soweit, dass wir die Küche eines afrikanischen Kollegen, der aus oben genannten Gründen unerkannt bleiben möchte und seinen Namen deshalb nicht veröffentlicht sehen will, als wir eines Abends bei ihm kochten, luftdicht verschließen mussten, damit ihn niemand von draußen beim Kochen sehen oder „riechen“ konnte, wodurch wir im Anschluss an einen schönen Abend als feinste Räucherware den Heimweg antreten mussten.

Kochen ist Frauensache.

Kochen ist Frauensache.

Ich halte fest: Hier muss dringend an der Emanzipation des Mannes gearbeitet werden.

Sollten Sie übrigens einmal mit Tansaniern kochen wollen, ist es an Ihnen, unter allen Umständen zu verhindern, dass von diesen sämtlichen Speisen beim Zubereiten mittels mehrerer Hektoliter Palmöls ein qualvolles Ertrinken bereitet wird.

Ergebnis: Afrikanisches europäisch.

Ergebnis: Afrikanisches europäisch. Oder umgekehrt.

Viel hilft hier viel und „ein bisschen Olivenöl hier, ein bisschen Olivenöl dort“ erntet nur verständnisloses Kopfschütteln. Mit einem halben Liter Öl gibt man sich hier nicht ab. Erst ab einem Gebinde von fünf Litern gehört man wirklich dazu.

Neben der mahlzeitlichen Kohlehydratbombe kommt in der Regel etwas spinatähnliches Grünzeug als beigelegte Tarnung zum Einsatz (heißt „mchicha“ und ein gefühlter Kubikmeter davon passt nach dem Braten/Kochen in einen kleinen Stieltopf), dazu Soßen auf Tomatenbasis, in die gebratener Fisch eingerührt wird. In dieser Soße finden sich zumeist noch kleine, gelbe Auberginen, bei deren Anblick es sich erschließt, warum Auberginen im Englischen „Eggplant“ heißen, sowie kleine, gemeine Chilischoten. Letztere werden nur mit gekocht und von den Einheimischen nicht gegessen. Im Selbstversuch getestet, durfte ich erfahren, dass diese Dinger den Begriff „Feuerstuhl“ in bislang ungeahnte Sphären vordringen lassen…

Dies wird zwar jeden Tag ähnlich mit kleinen Variationen so zubereitet, aber schmecken tut es, ohne Wenn und aber.

Traditionalisten tendieren eher zum Ugali, Revoluzzer eher zum Reis.

Ugali wird mit der Hand gegessen. Dabei, wie in vielen anderen Ländern auch, bitte nur die rechte und niemals die linke nehmen. Jene wurde in den Tagen vor der Erfindung des Klopapiers eben für diese Zwecke verwandt, und es gilt seither als nur bedingt gesellschaftsfähig, mit dieser Hand eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Mit der rechten hingegen kann man sich in aller Seelenruhe etwas vom kompakten Ugaliblock abreißen, zu einem Bällchen pressen und anschließend mit Fisch oder Aubergine belegen. Versuchen Sie das mal einhändig. Und während sich unsereins dabei eher dämlich anstellt und gerne zur Belustigung der Umstehenden beiträgt (beitragen muss…), rollen diese, jahrelanges Training sei Dank, en passant ihre Klümpchen, belegen, tunken, schieben sich diese in den Mund und schauen Dir genüsslich dabei zu, wie Du versuchst, dem sicheren Hungertod zu entrinnen.

Oder so. Reis und Bohnen dürfen nicht fehlen.

Oder so. Reis und Bohnen dürfen nicht fehlen.

Unter dem Vorwand, dass mir Ugali nicht so sehr munde, greife ich fortan lieber zu Reis als Beilage. Dies in erster Linie aber aus dem Grund, dass Reis mittels eines Löffels konsumiert wird und ich mithin die ein oder andere Peinlichkeit vermeiden kann. Ungefähr so wie sich jemand, der nicht mit Stäbchen umgehen kann, bei China-Aufenthalten immer eine Suppe mit dazu bestellt, selbst wenn er die weder haben will noch sie ihm schmeckt. Denn: Beim Bestellen einer Suppe bekommt man in China einen Löffel gratis dazu. Und der kann Gold wert sein!!!

Zum Frühstück gibt es in der Regel irgendeine frittierte kleine Schweinerei, die allein schon beim Ansehen ohne Umweg direkt auf die Hüfte geht. Frittierte Bällchen aus Reismehl, deren Namen ich mir auch nach dem hundertsten Mal noch nicht merken kann (ich habe mittlerweile die Bezeichnung „Rice Balls“ etabliert und ernte dafür immer wieder eine kleine Portion Heiterkeit… was macht man nicht alles für seine fünfzehn Minuten…), ganz lecker eigentlich, oder „chapati“, frittierte Mehlfladen, die genauso schmecken, wie Sie es sich gerade vorstellen. Wenn man es mal richtig krachen lassen will, reicht man noch eine Suppe aus Kochbananen dazu, in der, wenn man Pech hat, ein paar Fleischstücke schwimmen. Letzteres wird hier eher selten gegessen, weil es recht teuer ist und von der Darreichungsform her auch nicht immer so kreiert ist, dass es einen Europäer, der sein Schwein zumeist nur als geschmack-, farb- und konturloses, eingeschweißtes Schnitzel kennt, nun direkt zum herzhaften Zubeißen animierte. Hier wird das Tier im ganzen kleingehackt, gekocht, gebraten und so, wie es ist, serviert.

Es ist auch mal ganz schön, vegetarisch zu leben…

Kochbananensuppe mit rice balls

Kochbananensuppe mit rice balls

Will man seinen Vitaminhaushalt irgendwie einigermaßen beisammen halten, ist man darauf angewiesen, sich auch mal was Frisches zu machen. Viel Wert legen die Menschen hier nicht darauf, so scheint es mir, denn das Angebot auf dem Markt ist trotz des tropischen Klimas recht überschaubar. Ein paar Tomaten, Zwiebeln, Gurken, Chilis, mal eine Avocado, Melone, Papaya oder Passionsfrucht (für viele unerschwinglich), Banane oder Ananas. Das war es. Mehr hat der Markt hier nicht zu bieten. Überfluss wie bei uns gibt es nicht. Obst wie zum Beispiel Mango ist saisonal. Die gibt es in diesem Landesteil eben nur von Oktober bis März. Während der restlichen Zeit nicht. Und auf den Gedanken, sie aus Brasilien ganzjährig hierher zu karren, ist auch noch niemand gekommen. Gut so.

Cook it,peel it or eat it.

Cook it,peel it or eat it.

Also Salat machen. Da kommt einem der oft propagierte Satz „Cook it, peel it or dump it.“ in die Quere. Watt nu?

Nun, das muss jeder selber wissen. Ich bin auf solchen Reisen regelmäßig ein ganz heißer Kandidat für die unmöglichsten Aggregatzustände finaler Endausscheidungen. Bisher bin ich davon zum Glück verschont geblieben. Vielleicht haben die Chilis ja auch ihr Gutes…

So. Sachen packen, auf nach Gombe, Schimpansen gucken.

Von dort dann mehr.

Zum Runterspülen: Burundisches Bier. Die Flaschengröße (0,72 l) ist schon mal ne Ansage - der Schädel am nächsten Morgen auch...

Zum Runterspülen: Burundisches Bier. Die Flaschengröße (0,72 l) ist schon mal ne Ansage – der Schädel am nächsten Morgen auch…

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Ein Kommentar zu Essen

  1. Silke sagt:

    Hi Till,
    danke für die ausgesprochen lebendigen Berichte von Deinem Aufenthalt! Ich lese sie gerade mit großer Neugierde, und weil Du alles so plastisch beschreibst, kann ich mir auch richtig gut vorstellen, wie die Realität aussehen mag. Toll, dass es mit Deinem Aufenthalt vor Ort geklappt hat. Bleib gesund und hab weiter viele spannende Erlebnisse und Erfahrungen – ob mit den Solarlampen oder anderem. Ich freu mich schon auf die Fortsetzung Deiner Berichte.
    Viele Grüße aus München von
    Silke

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