Sanya Juu (Teil II)

In den ersten paar Tagen konnte ich mich schon ein bisschen an das Leben hier gewöhnen. Dativa zeigte mir das Dorf während einiger Spaziergänge und jedes Mal hörte ich von allen Seiten „Mzungu, Mzungu“. Vor allem Kinder rufen das, wenn sie mich sehen, denn für sie bin ich ein neuer und unerwarteter Anblick. Es gibt hier sehr viele Kinder und das Bevölkerungswachstum von 3.8% im SIHA District (der Regierungsbezirk, zu dem Sanya Juu gehört) spricht für sich. Um neue Wohnkapazitäten zu schaffen, gibt es im ganzen Dorf viele Baustellen. Es werden neue Häuser errichtet oder es wird angebaut. In „meiner“ Familie gibt es 5 Kinder, wovon die Ältestet bereits außer Haus ist und studiert. Ich denke, dass diese Anzahl in etwa den Durchschnitt widerspiegelt – wenn nicht sogar darunter liegt.

Von unserem Haus laufen wir beim ersten Spaziergang vorbei an kleinen Feldern, die noch mit Ochsenkarren und ausschließlich Tier-und Menschenkraft bearbeitet werden, zu den Großeltern. Erstmal soll ich der ganzen Familie vorgestellt werden. Was nicht nur die Verwandten miteinschließt, sondern auch Freunde und Nachbarn. Die Großeltern begrüßen wir mit „Shikamo“ – das ist die höfliche Begrüßung, die man Älteren sowie Respektspersonen gegenüber äußert. Daraufhin folgt ein „Maraba“ und ein „Hajambo“ als Antwort, was soviel heißt wie „Hallo“. Ich antworte dann wiederum „Sijambo“ – „Hallo“. Oft folgt dann „Habari“ – „Wie geht´s?“ Und als Antwort „Nzuri“ – „Gut“. Während dieser Begrüßung gibt man sich, ähnlich wie bei uns die Hand und blickt sich in die Augen. Bei den Großeltern werde ich wieder herzlich begrüßt und sofort hineingebeten. Hier lerne ich auch Clever und seine Mutter kennen. Er ist der vierjährige Neffe von Dativa. Clever nimmt erstmal meine Hand und guckt sich ganz genau meine Hautfarbe an. Schon komisch irgendwie, aber ich bin hier eben etwas Außergewöhnliches, was bei Zeiten auch sehr sehr anstrengend werden kann. Danach zeigt er mir direkt, voller Stolz, sein selbstgebautes Spielzeug – ein „Auto“.


Clever mit seinem selbstgebauten Auto

Von der Oma bekomme ich dann frische Milch zur Begrüßung und mit frischer Milch meine ich tatsächlich frische Milch. Kein Vergleich mit dem, was man bei uns im Supermarkt kaufen kann und der leicht fleischige Geschmack irritiert mich dann doch ein wenig. Auf Milch werde ich hier wohl in nächster Zeit verzichten. Nach dem Abschied gehen wir zurück nach Hause, wo schon einer von Dativas Onkeln auf uns wartet, um mich kennenzulernen. Er ist Schulinspektor und war vorher Englischlehrer. Generell gibt es in dieser Familie irgendwie sehr viele Englischlehrer, wobei auffällt, dass ihr Englisch wirklich nicht gut ist. Die Verständigung klappt natürlich trotzdem irgendwie. Der Onkel lädt mich dann auch direkt zum Essen am Sonntag ein. Nachdem wir miteinander gegessen haben, geht´s auch schon wieder ins Bett, denn die Tage beginnen und enden auf dem Land eben sehr früh. Am nächsten Tag gehen wir dann auf den Markt, wobei wir erstmal 40 Minuten Fußmarsch in gleißender Sonne zum Zentrum hinter uns bringen müssen.

Markt

Der Markt ist wirklich sehr voll. Sanya ist einer der Handelspunkte und gerade die Massai aus den abgelegeneren Regionen kommen hierher, um ihre Großeinkäufe zu erledigen.

Bus

In großen und absolut überfüllten Bussen geht es dann wieder nach Hause. Diese Busse sind wirklich alles andere als komfortabel und vor allem nicht zum Offroad-Fahren ausgelegt, was sie jedoch müssen, denn die Infrastruktur hier ist in jeglicher Hinsicht schlecht. Bis vor einem Jahr gab es noch keinen Strom im Dorf und auch jetzt fällt dieser ständig aus. Auch das Internet ist sehr schlecht. Welches auch der Grund ist, warum meine Berichte so unregelmäßig kommen, denn um diese senden zu können, muss ich immer erst nach Moshi fahren. Auf dem Markt kaufen wir Obst und Gemüse und Dativa schaut sich noch ein paar Hosen an. Dinge, die wir in Deutschland in Einkaufzentren kaufen, gibt es hier auf dem Markt und ich glaube, dass viele der Secondhand-Sachen, die wir in die Container packen, hier landen und aufgetragen werden, denn neue Dinge kann sich hier keiner leisten. Allerdings steht dies bei uns auch häufig in der Kritik, weil dadurch zuweilen die Strukturen der örtlichen Textilproduktion zerstört werden.

Wieder daheim angekommen, bereiten wir erstmal eine der Kokosnüsse zu, die wir gekauft hatten. Ich staune nur, als Dativa die Nuss, mit drei gezielten Schlägen in die Mitte, öffnet. In Deutschland hab ich da immer so meine Schwierigkeiten damit 🙂 Danach trinken wir erst die Milch und dann wird mit einem speziellen Gerät das Fruchtfleich aus der Nuss geschabt und hier darf ich, nach einigem Hin und Her, dann auch mal helfen. Später machen wir daraus dann, durch zweimaliges Aufkochen und Filtern, Kokosmilch.

Kokosmilch

Der nächste Tag ist ein Sonntag und bei den meisten Familien gehört dazu ein Kirchgang. Generell ist Glaube hier etwas, was viel essentieller und wichtiger zu sein scheint als bei uns. Überall hört man Gospelmusik und selbst im Kilimanjaro Express liefen auf dem Fernseher nur Gospelvideos. Was mich übrigens an eine Diskussion erinnerte, die ich letztens auf Facebook verfolgte. In dieser ging es um eine islamische Fluggesellschaft, die vor Abflug ein Gebet sprach. Die Kommentare zu diesem Post waren wirklich erschreckend und Leute pikierten sich über den Islam und dass so etwas in Europa ja unerhört sei. Als ich hier im Bus diese Videos sah, frug ich mich dann unvermittelt, ob sich dieselben Leute hier genauso über die christlichen Videos in öffentlichen Verkehrsmitteln aufregen würden. Denn im Prinzip geht es ja um das Gleiche – nur eben eine andere Religion. Generell habe ich hier übrigens das Gefühl, dass Christen und Muslime hier friedlicher miteinander leben, als es bei uns der Fall ist. Es gibt hier ungefähr 40% Christen und 30% Muslime und der Rest besteht aus anderen Religionen und niemand scheint sich an einer Moschee neben einer Kirche oder der Frau in Burka, die ihre Einkäufe erledigt, zu stören. Angesichts der Themen, die gerade die Nachrichten in Europa dominieren und der Fremdenfeindlichkeit, die vielen Hilfesuchenden entgegengebracht wird, frage ich mich, ob nicht vielleicht Deutschland in dieser Hinsicht das „Entwicklungsland“ ist?

Nun aber genug der Sozialkritik und zurück zum Kirchgang. Ich selbst gehe normalerweise eher selten in die Kirche, dennoch bin ich an diesem Sonntag mitgegangen. Auch dieser Weg ist wieder weit, denn die Kirche ist unten im Dorf. Als wir ankommen, findet gerade noch der Kindergottesdienst statt. Die Kirche ist komplett voll und während wir auf den „Erwachsenen-Gottesdienst“ warten, lauschen wir den Klängen des Kinderchores und schauen uns ein wenig um. Die Kirche liegt direkt neben einer Grundschule, die ich mir ansehen kann.

Schule bei der Kirche

Auch hier werde ich natürlich wieder von allen gemustert und manchmal komme ich mir ein bisschen vor wie eine Zirkusattraktion. Nach einer Weile kommen die Kinder dann aus der Kirche und wir dürfen hinein. Die Leute wollen, dass ich mich direkt hinter den Chor setze. Mir fällt auf, dass ich tatsächlich mal nicht die einzige Mzungu bin. Ein paar Bänke weiter sitzen sechs Niederländer und sofort lächelt man sich gegenseitig zu. Vom Gottesdienst selbst verstehe ich natürlich wenig, aber der Chorgesang ist einfach nur schön und ich genieße es. Nach der Predigt werden die Niederländer nach vorne gebeten und es wird auf Englisch berichtet, dass sie hier sind, um ein Krankenhaus zu besuchen, welches sie vor einigen Jahren mitfinanziert haben. Nach einigen Dankes- und Lobesliedern kommt dann einer der Herren auf mich zu und fragt mich, was ich hier tue und woher ich komme. Ich erzähle ihm über das Projekt, muss dann aber leider auch schnell gehen, denn Dativas Onkel wartet vor der Tür um uns zum Essen mitzunehmen. Es klingt vielleicht irgendwie komisch, aber es ist zwischendurch ein gutes Gefühl, auch mal andere Europäer zu treffen, denn so seltsam das auch ist, in gewisser Weise hat man einfach direkt etwas gemeinsam. Ich meine damit keinesfalls die Hautfarbe, sondern die Tatsache, dass man höchstwahrscheinlich den gleichen Hintergrund teilt, eine ähnliche Kultur hat, einander versteht und weiß, dass das Leben hier für uns einfach ganz anders ist.

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